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Im deutschen Reich · 1896-09-01 · Heft 9 (September 1896) · p. 423

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 9 (September 1896)
Article
Staatsmann, Dichter und Philosemit
Date
1896-09-01
Page
423 (sequence 6)
Language
German
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Staatsmann, Dichter und philosemit. 423 Die ganze Beschreibung dieser Fahrt nach dem Morgenlande „Le voyage en Orient“ zeugt von dem herrlichsten Enthusiasmus für das, was auch uns begeistert, für die Sänger der Psalmen und die Propheten. Er sagt bei der Beschreibung Zions vom König David: „Er ist der erste Gefühlsdichter, der König der Lyriker! Nie haben im Menschenherzen innigere, tiefere, ernstere Akkorde Widerhall gesunden, nie sind dichterische Gedanken so hoch gedrungen, so richtig zum Ausdruck gelangt! Nie hat sich die Menschenseele vor Gott und Menschen in so ergreifender und sympathischer Weise offenbart! Alle tiefinnersten Klagen ertönten auf den Lippen und der Harfe dieses Mannes! Wenn man bedenkt, daß damals die lyrische Dichtung der gebildetsten Völker nichts anderes besang als Wein, Liebe, Blut, den Sieg der Musen und der Nenner bei den olympischen Spielen, dann wird man von tiefster Bewunderung erfaßt durch die geheimnißvollen Gesänge des Königs und Propheten, welcher zum Gott-Schöpfer wie ein Freund zum Freunde spricht, der alle Wunder begreift und preist, Gottes Gerechtigkeit lobt und seine Barmherzigkeit ansieht. Lest Horaz oder Pindar nach einem Psalm! Was mich betrifft; ich vermag es nicht!" In einem der Beschreibung einverleibten Gedicht, in welchem er seine im heiligen Lande verstorbene Tochter Julia feiert, schildert er eine der biblischen Stätten in folgenden Versen: Hier ist am staub'gen Fuße des Olivenhains, Von Trümmern des zerstörten ZionSwalls umringt, Durch die hindurch der halbversiegte Kedron dringt, Ein Ort, unnahbar fast den Strahlen hellen Scheins. Das Thal von Josaphat gräbt dort die tiesen Falten; Statt Blumen Trümmer nur der Boden sprießen läßt Und vielverschlungene Wurzeln, alter Stämme Rest, Die Steine alter Gräber spalten. Die Reise nach dem Orient brachte Lamartine auf den Gipfel des Schriftstellerruhmes, ohne ihm die Lust zu benehmen, in seinem Vaterlande eine hervorragende politische Rolle zu spielen. In einem Felsenschloffe des Libanons hatte ihm eine überspannte englische Einsiedlerin, Lady Stanhope, die baldige Erfüllung dieses Lieblingswunsches verheißen. Dort empfing er auch die Anregung zu dem Roman in Versen „La chüte d’un anga“, dessen übermäßig glühende Schilderungen beinahe abstoßend wirken.

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