Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Staatsmann, Dichter und Philosemit
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 422 (sequence 5)
- Language
- German
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422 3m deutschen Reich. Da schon damals Schriftstellerruhm in Frankreich als Freibrief für die staatsmän'nische Laufbahn galt, wurde Lamartine 1821 als Gesandtschaftssekretär nach Florenz geschickt, wo er sich mit einer reichen Engländerin vermählte. Der 1823 veröffentlichte zweite Band seiner Gedichte und die 1829 erschienenen „poetischen und religiösen Harmonien" erhöhten seinen Ruhm noch und trugen ihm die Mitgliedschaft der Akademie ein. Durch die Juli-Revolution wurde aber 1830 feine bis dahin höchst erfolgreiche Laufbahn jäh unterbrochen. Der nicht nur durch den Sieg der Orleanisten, sondern auch durch das Fehlschlagen seiner Bemühungen um ein Deputirten-Mandat tief verstimmte Dichter beschloß nun, sein undankbares Vaterland auf einige Zeit zu meiden. Die von ihm geplante Fahrt nach dem Orient setzte er mit einem Pomp in's Werk, welcher zwar das gewünschte Aufsehen erregte, aber sein Vermögen bedeutend schädigte. In seinem Abschiedslied an Marseille bekundete Lamartine seine tiefe Sehnsucht nach dm biblischen Stätten mit wunderbarer Gefühlswärme. Von derselben zeugen folgende von mir möglichst treu übersetzte Strophen: „Noch schwamm ich nicht auf weichem Wüstensand, Vom Seeschiff gleichen Dromedar getragen; Noch löscht' ich nicht den Durst am grünen Strand Des Hebron-Quells, um den drei Palmen ragen; Noch macht' ich meinen Mantel nicht zum Zelt Und schlief im Staub, in dem sich Hiob streckte; Noch träumt' ich nicht, vom Sternenlicht erhellt. Den Traum, aus dem der Herr einst Jakob weckte! Noch Hab' ich unter Cedern nicht gelauscht Dem Ruf der Völker durch die alten Aeste, Wie von dem Libanon herniederrauscht Der Adler auf phönizische Paläste; Es ruhte noch mein müdes Haupt nicht weich Da wo Palmyra sagenhast verschwunden; Noch haben in des Memnon leerem Reich Sich einsam meine Schritte nicht gefunden!" Noch hört' ich nicht im tiefen Felsenthal Des Jordans dumpfe mitleidsvolle Klage, Der des Propheten Jeremias Qual Erhaben nachjeufzt bis auf unsere Tage; Noch tönte nicht in mir als Echoklang Die Höhle wieder, wo als Flammenspende Des Dichterkünigs goldene Harfe sang, Gerührt durch die Begeist'rung kund'ger Händel