Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Staatsmann, Dichter und Philosemit
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 421 (sequence 4)
- Language
- German
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Staatsmann, Dichter und Philosernit. 421 Vernichtet jene Zeichen, die euch trennen; Nur Haß und Egoismus Grenzen kennen. Hört auf die Stimme, die von oben spricht: Der rechte Brudersinn kennt Schranken nicht! In einer Zeit, in welcher Alles, was mit dem Semit enthum zusammenhängt, sei es jüdisch oder christlich, begeifert wird, thut es ordentlich wohl, sich eines hervorragenden Mannes zu erinnern, der schon in der Kindheit semitisch gestimmt war und sich bis zum Lebensende als P h i l o s c m i t bekannt und bewährt hat. Als Sohn eines Landedelmanns am 21. Oktober 1790 in MLcon geboren, wurde Alphonse de Lamartine durch eine edle Mutter früh zu Frömmigkeit und Wohlthätigkeit angehalten. Er selbst erzählt: „Die Bibel, aus der mich meine Mutter lesen lehrte, war mit vielen Holzschnitten geschmückt. Da waren Sara, Tobias und der Engel, Joseph und Samuel, besonders jene patriarchalischen Szenen, in welchem sich die schlichte Art des Morgenlandes bei jedem Ereigniß des einfachen und doch so wunderbaren Lebens der ersten Menschen tund giebt. Hatte ich gut gelernt und die erste halbe Seite der heiligen Geschichte ziemlich tadellos gelesen, dann deckte meine Mutter den Holzschnitt auf, zeigte und erklärte mir denselben als Belohnung." Nachdem Lamartine die Jesuitenschule zu Belley besucht hatte, wurde er zur weiteren Ausbildung nach Italien gesandt, wo ihn die in seiner reizenden Novelle „Graziella" rührend geschilderten romantischen Erlebnisse längere Zeit festhielten. Nachdem er endlich nach Frankreich zurückgekehrt war, trat er in die Leibgarde des Königs Ludwig XVIII. als Offizier ein, würde aber sehr bald des Heeresdienstes überdrüssig. 1820 erschienen seine „Mäditations“, jene harmonischen Elegieen, in welchen er als ein muthiger Verfechter des positiven Glaubens dem flachen Rationalismus seiner Zeitgenoffen entgegentrat und gegen das Götzenbild des Materialismus männlich ankämpfte. Die Neuheit dieser Gesinnung, der biblische Bilderreichthum der Sprache und die vollendete Form der Dichtung verschafften dem Werke einen solchen Erfolg, daß der Verleger Nicolle binnen 4 Jahren 45 000 Exemplare absetzte. Daß Johannes Scherr und andere deutsche Freigeister dem Ausdruck einer aufrichtigen gläubigen Gesinnung mißtrauten und das für Flachheit und Unwahrheit hielten, wodurch Lamartine sich aus tiefem Seelenschmerz emporrang, hat nicht verhindert, daß diese frommen Dichtungen noch heute in Deutschland Anklang finden.