Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Staatsmann, Dichter und Philosemit
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 420 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316620-2319048--01432-2319115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
420 Im deutschen Reich. nicht eher glauben, die wahren Gründe der Juden vernommen zu haben, als bis sie in einem freien Staate Schulen und Universitäten haben, in welchen sie ohne Wagniß sprechen und disputiren können." In ganz demselben Sinne äußerte sich später A l p h o n s e de Lamartine, welcher ein überzeugter Katholik war und dennoch aufrichtige Freundschaft für viele wackere Juden hegte und mit inniger Zuneigung Alles umfaßte, was aus dem Orient stammte. Seine Dichtungen zeigen zahllose Anklänge an die von ihm vielfach gepriesene alttestamentliche Poesie; unter seinen übrigen Schriften steht „Die Reise nach dem Orient" obenan. Den Hochgenuß, welchen die Beschäftigung mit seinen Schöpfungen bietet, dürfen Deutsche sich ebenso unbedenklich gönnen, wie denjenigen, den wir aus den Werken der griechischen und römischen Klassiker, der italienischen Epiker, der englischen und spanischen Dramatiker, der ungarischen und russischen Lyriker schöpfen! Daß der Deutsche die Gabe besitzt, die Geistesschätze aller anderen Völker zu seinem geistigen Eigenthum zu machen, thut seiner vaterländischen Gesinnung keinen Eintrag. Eine nationale Voreingenommenheit ist Lamartine gegenüber um so weniger berechtigt, weil er ein Feind der Napoleoniden war und keine Spur von jenem Deutschenhaß besaß, welcher heute das geistige Leben Frankreichs förmlich vergiftet. Er predigte den Völkerfrieden, und als Beckers deutsches Rheinlied in den Vierziger Jahren den Franzosen Alfred de Müsset zu einer scharfen poetischen Entgegnung entstammte, ertönte versöhnend Lamartines Friedens-Marseillaise: Die Wogen walze frei und mächtig, Rhein, Du Nil Europas, Kelch der Nationen; Die Völker, die an deinem Ufer wohnen. Mach' deine Fluth von Haß und Mißtraun rein. Nie wieder färbe die kristall'ne Fluth Der Deutschen und der Franken rothes Blut; Nie wieder sollen dröhnend Pulverwagen Die Völker einigenden Brücken tragen! Wozu durch Schranken trennen beide Nassen? Weshalb denn sollen sich die Völker hassen? Wo ist von Grenzen droben eine Spur? Ein Firmament nur überwölbt Natur! Wo euer Schritt nicht weiter wandeln will Ihr Völker, steht auch da die Liebe still?