Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Staatsmann, Dichter und Philosemit
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 419 (sequence 2)
- Language
- German
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Staatsmann, Dichter und philosemii. 419 kann auch dort ein Hetzer semitischer Abkunft, welcher die Verleumdung der Juden sportmäßig betreibt, von vielen Kreisen als Held des Tages angesehen werden. Uns deutsche Juden interessirt diese Erscheinung besonders deshalb, weil Drumont's raffinirte Schmähungen recht häufig dazu benutzt werden, dem Stoffmangel der zumeist recht geistesarmen Antisemiten - Blätter in Deutschland abzuhelfen. Diese seine deutschen Verehrer stört Drumont's Deutschenhaß so wenig, wie die Angriffe, welche er gegen den Protestantismus in Frankreich richtet. Wer wie Rohling und Drumont auf die Semiten schimpft, dem wird von den deutschen Antisemiten selbst Hetzerei gegen den Protestantismus verziehen. Die Popularitätwelche sich die Verleumdungen Drumont's in dem französischen Freistaat erwarben, hat dieselben Gründe wie der Erfolg einzelner neuzeitlicher Verfaffer lüsterner französischer Romane — jedes Land hat eben" diejenigen Schriftsteller, welche es verdient! Man kann die Tiefe des dadurch gekennzeichneten sittlichen Niederganges erst dann richtig ermessen, wenn man den Blick auf jene Zeit zurücklenkt, in der sich Frankreich für Jean Jacgues Rousseau und Alphonse de Lamartine begeisterte. Rousseau, welcher die Jesuitenerziehung bekämpfte und für die Rückkehr zur Natur eintrat, Lamartine, welcher Frömmigkeit, Duldsamkeit und freiheitliches Weltbürgerthum lehrte, gelten den meisten jetzt lebenden Franzosen als verschollene Größen. Als Deutsche vergessen wir nicht, daß Nouffeau's Erziehungslehre von großen deutschen Pädagogen gewürdigt und weiter ausgebaut wurde, daß Lamartine's Meisterschaft der Sprache besonders unsere Neuphilologen fort und fort erbaut. Als Juden erfreut uns die von den beiden .geistesverwandten Schriftstellern bekundete vollständige Vorurtheilslosigkeit in religiösen Dingen. In Nouffeau's „Emile" finden sich folgende Sätze: „Die Juden fühlen sich in unserer Gewalt; die gegen sie geübte Tyrannei macht sie furchtsam; sie wissen, wie wenig Ungerechtigkeit und Grausamkeit unserer Barmherzigkeit kosten. Die Habgier schärft unfern Eifer und sie sind zu reich, um nicht Unrecht zu haben. Ihr bekehrt irgend einen Elenden, welcher dafür bezahlt wird, seine Sekte zu verleumden; Ihr triumphirt über ihre Unwissenheit oder Feigheit, während ihre Gelehrten im'Stillen Eure Ungeschicklichkeit belächeln. Ich werde