Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 388 (sequence 2)
- Language
- German
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388 3m deutschen Reich. sparsamen Juden erworbenen Wohlstand blicken, und er rechnet nicht minder^ auch auf die Angehörigen der gelehrten Berufsklassen, die Juristen, Mediziner und Philologen, die noch im reifen Mannesalter die Nachwirkungen einer feucht-fröhlichen studentischen Jugendzeit spüren und zu spät die Nachtheile erfahren, welche daraus entstehen, daß die unduldsame Ausschließung von dem Verbindungswesen die jüdischen Studenten zur heilsamen Mäßigkeit und zu ersprießlichem Fleiße förmlich zwingt. Solche Unzufriedene sind allerdings geneigt, nach antisemitischen Weisungen „alle bisher herrschenden Ansichten einer gründlichen Nachprüfung zu unterwerfen", was minder euphemistisch ausgedrückt nichts, anders heißt: als einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse herbeizuführen! Staatserhaltend kann eine solche Thätigkeit nicht sein; das haben die „Hellen" sächsischen Konservativen erkannt, welche rechtzeitig das Tischtuch zwischen sich und der deutsch-sozialen Reformpartei zerschnitten, das erkannte das katholische Centrum, als es energisch Front gegen die Männer machte, welche durch den Rassenantisemitismus die Taufe als unwirksam erklärten und durch Verunglimpfung des alten Testaments das Christenthum nicht minder als das Judenthum schädigten! Nur diejenigen Kreise, welche blindlings der Fahne der „Kreuzzeitung" folgen, können sich von dem Wahne nicht losmachen, daß das Judenthum mit dem Liberalismus oder dem Nationalismus identisch und die Wurzel alles Uebels sei. Wenn die deutschen Juden auch die ihnen vor 27 Jahren durch Reichsgesetz gewährte volle Gleichberechtigung der fortgeschrittenen Kultur verdanken, sind sie doch wahrlich nicht die Ursache davon, daß dieselbe neuzeitliche Kultur sich nicht mehr recht mit den alten Vorrechten des Adels befreunden kann und jeder Verquickung der Befugnisse des Staates und der Kirche widerstrebt. Beschäftigen sich einzelne Juden eingehender mit solchen Fragen, so thun sie dies nicht von Religions wegen, sondern als Staatsbürger, denen die Wohlfahrt und der innere Frieden ihres deutschen Vaterlandes Herzenssache sind. Sie werden sich auch in ihrem Patriotismus nicht beirren lassen, wenn auch ferner ein Theil der sogenannten „staatserhaltenden Parteien" die antisemitischen Umstürzler dadurch fördert, daß er seinen mächtigen Einfluß auf die Verwaltungskreise dahin geltend macht, die durch Verfassung und Gesetz verbürgte Gleichberechtigung im Verwaltungswege beseitigen zu lassen. Hoffentlich läßt sich aber die preußische Regierung nicht zu einer Wiederaustischung des abgelehnten „Assessoren"-Paragraphen durch die gewagte Behauptung eines konservativen Blattes verleiten, „daß der preußische