Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 387 (sequence 1)
- Language
- German
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387 Umschau. „Der Antisemitismus, wie er^sich seit Aufrichtung des Deutschen Reichs bei uns entwickelt hat, erschöpft sich nicht in der Bekämpfung des Judenthums, sondern bedeutet eine neue Weltanschauung überhaupt. Endlich erwachte der angeborene kritische Geist unseres Volkes wieder. Man begriff die Nothwendigkeit in allen bisher herrschenden Ansichten einer gründlichen Nachprüfung zu unterziehen, ob sie auch mit den Thatsachen verträglich seien, und man nannte diese Wiedergeburt des deutschen Geistes — Antisemitismus." Diese ein grelles Licht auf die antisemitische Strömung werfende Darstellung, die sich in dem „Antisemitischen Handbuch" von W. Giese findet, sollte diejenigen belehren, welche irrtümlicher Weise in der erwähnten Strömung nichts weiter erblicken, als das Streben nach einer Zurückdrängung des aufstrebenden jüdischen Elements. Niemals hätte ein solches einseitiges Streben eine tiefgehende Bewegung hervorgerufen, weil es an der Lächerlichkeit der Annahme scheitern mußte, daß der Mitbewerb einer nur den hundertsten Theil der deutschen Bevölkerung bildenden winzigen Minderheit der gesummten Nation gefährlich werden könne. Was dem Antisemitismus Anhänger zuführt, ist vielmehr die von diesem offen zugestandene Thatsache, daß er sich nicht mit der Lösung der u nnöthig aufgebauschten Judenfrage erschöpft, sondern, die Sozialdemokratie ergänzend, alle Unzufriedenen um sich sammelt, welche sich nicht zum vierten Stande rechnen. Er wendet sich mit Erfolg an diejenigen Handwerker, welche sich nach der Zunftzeit zurücksehnen, weil sie nicht im .Stande sind, die Errungenschaften der rastlos fortschreitenden Technik sich nutzbar zu machen. Er appellirt an diejenigen Kaufleute, welche am liebsten nach altem Stile phlegmatisch hinter dem Ladentische der Kunden harren, statt diese durch eine sich in den Grenzen des lauteren Wettbewerbs haltende Rührigkeit, insbesondere durch jene Thätigkeit heranzuholen, welche das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellt. Das ergiebigste Feld findet aber der Antisemitismus bei den verhältnismäßig gering besoldeten Beamten, welche in Folge des durch übertriebene Repräsentationspflichten veranlaßten Aufwands in'steten Sorgen lebend, mit scheelen Augen auf den von