Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Die Judenverfolgungen zur Zeit des ersten Kreuzzuges
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 364 (sequence 18)
- Language
- German
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364 Im deutschen Reich. Wenigen unter den Christen, die auch innerhalb der allgemeinen Aufregung die alte Freundschaft den jüdischen Nachbarn bewahrten, sorgten für eine Bestattung der aller Orten umherliegenden Leichname. In 9 Gruben wurden die für ihren Glauben Gefallenen, Männer und Frauen, Knaben und Greise, Vater und Sohn, Tochter und Mutter, Knecht und Herr, Magd und Herrin, wie Salomo bar Simeon fdjreifct,58) beigesetzt. Von der großen Gemeinde war es nur einem kleinen Häuflein unter Führung des R. Mefchullem gelungen, sich durch die Flucht zu retten; unter ihnen befand sich auch Juda, der Sohn des Kalonymos. Als die Flüchtlinge in die Nähe von Speyer kamen, sandte ihnen der den Juden wohlgesinnte Bischof Johann Leute zum Schutz, ließ sie alsdann in einen besonderen Theil der Stadt führen, der er eilends mit einer Mauer umgab, damit sie von keiner Seite belästigt würden, und wachte über sie, wie der dankerfüllte Berichterstatter rühmt, so wie ein Vater über seine Kinder. Aber nur 4 Jahre blieben sie in Speyer; es drängt sie, den Ort aufzusuchen, der die Gebeine der Eltern und Geschwister, „der Heiligen", wie sie die Opfer der Verfolgung nach christlicher Weise benennen, birgt. Um das Jahr 1100, als die Ruhe und Besinnung aller Orten wieder zurückgekehrt ist, ziehen sie unter Leitung des vorhin erwähnten Juda nach Mainz zurück, ein jeder zu der Stätte, wo einst des Vaters Haus stand; sofort planen sie die Bildung einer neuen Gemeinde, den Bau eines neuen Gotteshauses unter dem Schutze des Landfriedens, den der Kaiser 1103 für Kirchen, Geistliche, Kaufleute, Frauen — und angesichts der Ereignisse von 1096 zum ersten Male auch für Juden erlassen und beschworen hatte?') Bald ist der Bau vollendet und wird am Rüsttage des Neujahrfestes, am 21. September 1104, feierlich geweiht.^) Durch das sichtbare Bekenntniß ihrer Zugehörigkeit zum Judenthum, das sich in diesem Bau ausdrückt, glauben sie am besten ihre hohe Verehrung für die glaubensstarken Ahnen ausdrücken zu können! War die Mainzer Gemeinde bis zu ihrem Untergänge das geistige Oberhaupt aller Gemeinden, der Sitz der Gelehrsamkeit, 5ü) a. a. O. 14 und 110. '-) Mon. Germ. Leges 2. 60, Reg.Nr. 210, S. 97. Salomo bar Simeon a. a. O. p. 31 und 1427.