Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Die Lage in Oesterreich
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 344 (sequence 4)
- Language
- German
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344 Im deutschen Reich. Deutschnationalen ausnützen zu lassen, sind die Wiener Klerikalen nicht und nicht diese werden die Betrogenen sein. Ja, wenn es sich blos um die W i e n e r Klerikalen handeln möchte — aber es stehen viel mächtigere und geschicktere Leute hinter ihnen. Mit Rücksichtslosigkeit hat man Vieles bei der Kurie durchgesetzt. Manches auch mit Demuth und Unterwürfigkeit, aber daß Jemand die Kurie betrogen hätte, davon weiß die Geschichte kein Beispiel zu nennen. Wer mehr historisches Wissen und politisches Verständniß als die Führer unserer Deutschnationalen besitzt, der sieht voraus, daß der volle Sieg des Antisemitismus dem Deutschthum in Oesterreich so viel, wenn, nicht mehr, als den Juden schaden wird. Von den Studenten, welche gegen Ungarn, gegen die „Judäomagyaren" an der Universität demonstrirten, ist nur ein deutscher Ausländer ausgewiesen worden, die Serben, Rumänen und Angehörige anderer interessanter Nationalitäten durften ruhig in Wien bleiben. Aber das genügt noch nicht, um den verblendeten Deutschnationalen die Augen zu öffnen! Nicht klüger und geschickter als diese benehmen sich unsere Deutschlibcralen, oder genauer gesprochen, die dieser Partei angehörcnden Mitglieder des Abgeordnetenhauses, deren politische Weisheit sich aus „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" zu beschränken scheint. Diese von den Antisemiten ganz mit Unrecht „Judenliberale" und „Judenknechte" genannten Volksvertreter, welche noch immer die stärkste Partei im Abgeordnetenhause bilden, haben stets allen reaktionären Gesetzen, Steuererhöhungen und Begünstigungen für die Agrarier zugestimmt, bei allen Verletzungen der Gleichberechtigung, bei allen Zurücksetzungen der Juden sich höchstens — auf Antrieb der Wähler oder der Presse — zu einer schüchternen Interpellation aufgerafft. Der Minister antwortete gewöhnlich mit allerlei schönen Redensarten von Heilighaltung der Verfassung, Beobachtung der Gesetze u. dgl., in der Sache blieb aber Alles beim Alten und die Liberalen gaben sich zufrieden. Als neuerdings die jüdischen Gemeinderäthe durch die Antisemiten faktisch vom Stadtrathe ausgeschlossen wurden ch, wäre ein Dringlichkeitsantrag mir Platze gewesen, die *) Ein Stadtrath bekommt 3000 Gulden Gehalt, es ist daher begreift lich, daß die Antisemiten die Beute unter sich vertheilten.