Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Die Lage in Oesterreich
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 345 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Lage in Beslerreich. 345 liberalen Deputaten wollten aber nicht mehr als eine Interpellation wagen und erhielten vom Grafen Badem die Antwort, die sie verdienten! Sehr vortheilhaft sticht davon das Benehmen unseres Oberhauses ab, das noch an den wirklich liberalen Traditionen festhält. Dort sitzen noch durch Besitz und Stellung unabhängige Männer, Gelehrte und im Staatsdienste ergraute Männer, die vielgeschmähten „alten Bureaukraten", die aber manchen von der Regierung eingebrachten, vom Abgcordnetcnhause angenommenen Gesetzen die schärfsten reaktionären und antisemitischen Spitzen abgebrochen haben. In die Delegation zur Behandlung der mit Ungarn gemeinsamen Angelegenheiten entsandte das Herrenhaus zwei Juden, unter zwanzig Mitglieder! Aus dem Abgeordnetcnhause kommt nur ein Jude unter vierzig Delegirten, und dies in Folge der eigenthümlichen Wahlordnung, welche die Wahl dieses einen Juden (aus Triest) fast unvermeidlich machte. Fragt man nun, wie sich die Juden allen diesen Vorgängen gegenüber verhalten, so fällt die Antwort nicht sehr befriedigend aus. Freilich, die ärmeren Klassen, welche unter dem Antisemitismus am meisten leiden, sind ziemlich rührig, auch die jüdische Nniversitätsjugend zeigt Muth und Eifer. Aber gerade die Reicheren und Einflußreichen sind meistens indifferent und furchtsam oder leben in dem irrigen Glauben, man 'werde ihr Judenthum vergessen, wenn sie stillschweigen und Alles geduldig über sich ergehen lassen. In diesen Kreisen kommen auch verhältnißmäßig die meisten Abfälle vom Glauben vor, und aus diesen Kreisen stammen wohl auch jene jüdischen Reichsrathsmitglieder, welche bei allen Beschimpfungen und Verleumdungen seitens der Antisemiten stumm bleiben. Meine vor einem Jahre in diesen Blättern gegebenen Anregungen sind unbeachtet geblieben: weder haben sich die jüdischen Deputaten zu einem Klub vereinigt, noch sind Schritte zur Einberufung eines „Judentages" gethan worden. „Nur nicht sich absonderu, nur keine einseitigen Schritte thun", sagen die Leute, welche mehr Vorsicht als Tapferkeit haben. Aber lesen wir denn nicht täglich von Katholikentagen und Protestantentagen, von .evangelischen und christlich-socialen Kongressen, und warum sollte gerade ein österreichischer Judentag so gefährlich oder