Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-06-01
- Page
- 317 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 317 Saat aufgeht, zeigt der auf dem Eisenacher Burschentage der im A. D. C. vereinigten 48 deutschen Burschenschaften in der Pfingstwoche gefaßte Beschluß: „Der Burschentag äußert den dringenden Wunsch, daß in den Reihen der Burschenschaften fortab keine jüdischen Mitglieder mehr gesehen werden." Es ist anzunehmen, daß die zahlreichen jüdischen „alten Herren", welche bisher bei den Burschenschaften zu sehen waren, den Wunsch des Eisenacher Burschentages schleunigst erfüllen und sich von nun an streng von den Burschenschaften fern halten werden, welche so wenig dessen eingedenk sind, was Juden in denselben und für dieselben geleistet haben. Wenn der „Bursch nicht mehr frei ist" von Vorurtheilen, verlieren die Burschenschaften ihre Existenzberechtigung und sollten sich lieber zu Gunsten der Corps auflösen, von denen sie sich nach Aufgabe des freiheitlichen Gedankens, aus welchem sie allein aufgebaüt waren, durch nichts mehr unterscheiden! Was Vater Arndt von „Knechten, die uns zu Knechten machen wollen" sagte, sollte gerade in akademischen Kreisen unvergessen sein! Um den Antisemitismus noch mehr in die Lehrerkreise hineinzutragen, bemüht sich die deutsch-soziale Reformpartei, die ungünstige Behandlung des Lehrerbesoldungsgesetzes den Juden zur Last zu legen, welche wahrlich nicht in der Lage sind, das preußische Herrenhaus zu beeinflussen. Daß die Vorlage an dem entschiedenen Widerstande der Großgrundbesitzer scheiterte, erwähnen die antisemitischen Blätter nur ganz nebenher; sie klagen deshalb fast nur die Oberbürgermeister der freisinnigen großen Städte an, welche sich mit den Feudalen verbunden haben sollen, um die Vorlage zum Scheitern zu bringen. Von ihnen wagt ein antisemitisches Blatt zu sagen: „Sie wollen diesem Kultusminister überhaupt nichts mehr bewilligen. Weil er entschieden hat, daß jüdische Lehrer nicht in christliche Schulen gehören, lassen die Freisinnigen die Lehrer im ganzen Lande auf die Ordnung und Aufbesserung ihrer Gehaltsverhältnisse warten." Wäre selbst die böswillige Insinuation, daß die Freisinnigen von den Juden beeinflußt werden, irgendwie berechtigt, so bliebe es noch immer widersinnig, anzunehmen, daß die letzteren den Lehrern eine Aufbesserung mißgönnen. Im Gegentheil haben die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens allen Grund, Denjenigen, welche Volksbildung und Aufklärung verbreiten, eine unabhängige und möglichst sorgenfreie Lebensstellung zu wünschen, welche sie von jeder Verbitterung fern hält, denn erst dann wird die Gleichberechtigung der Staatsbürger jüdischen Glaubens eine vollständige sein, wenn die allgemeine Volksbildung in Deutschland das Wiederauftauchen mittelalterlicher Anschauungen zur