Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 276 (sequence 10)
- Language
- German
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276 )m deutschen Reich. überaus schmeichelhaften Weise geschah, wie einzelne Wiener Blätter versichern, oder ob, wie di« „Tiroler Stimmen" versichern, Kaiser Franz Joseph Lueger ernst bedeutete, daß dessen leidenschaftliche Parteiführung seine Bestätigung verhindere, ändert an der Sache selbst sehr wenig. Die Audienz war ein Triumph Lueger's, welcher kein großes Opfer bracht«, als er erklärte, sich dem Wunsche seines kaiserlichen Herrn zu fügen, weil er bei solchem Verzicht auf die erste Stelle in Wien hoffen durfte, als erster Vizebürgermeister thatfächlich die städtische Verwaltung zu leiten. Ob der darauf zum Bürgermeister gewählte Lehrmittelhändler Josef Strohdach sich dabei wirklich mit der Nolle eines „Strohmanns" begnügen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Bei der Vereidigung ermahnte ihn der Statthalter Graf zrielmannSegg, allen Mitbürgern gegenüber, ohne Rücksicht auf Parteistellung oder Konfession, Gerechtigkeit und Achtung walten zu lassen. Jedenfalls kann sich unter seinem Regiment die Lage der Wiener Juden nicht schlechter gestalten, als sie in letzter Zeit bereits war. Hat doch vor Kurzem in Wien der jüdische Pferdehändler Glaser, weil er zwei Burschen wegen antisemitischer Schimpfereien zur Rede stellte, einen so wuchtigen Schlag auf den Kopf erhalten, daß er zusammenstürzte und auf dem Transport nach dem Spital seinen Geist aufgab. Erfreulich ist, daß die Statthalterei die Auflösung von 19 akademischen Vereinigungen verfügte, welche sich dem am 1. März d. I. gefaßten Beschlüsse gegen die Satisfaktionsfähigkeit der Juden angeschlossen haben. Die Wiener Behörde hebt in einer Verfügung hervor, daß eine ganze Kategorie von Studenten in ihrer Ehre empfindlich verletzt worden sei, weshalb verschiedene studenti-' sche Vereinslokale behördlich geschlossen wurden. Die Maßregel der Regierung bezieht sich thatfächlich auf den Beschluß der deutschnationalen Verbindungen, den jüdischen Studenten die ritterliche Genugthuung mit den Waffen zu verweigern. Dem Vernehmen nach sind nichtösterreichische Studenten, welche sich an jener antisemitischen Kundgebung betheiligten, aus Oesterreich ausgewiesen worden. Der Vorortsausschuß des akademischen Kpffhäuserverbandes sandte an die polizeilich aufgelösten Bundesvereine in Oesterreich (Waidhofener Verband wehrhafter Vereine) die telegraphische Zusicherung herzlichen Beileids. Gegen diejenigen deutsch-nationalen Studenten, welche aus Anlaß der ungarischen Millenniumsfeier eine aufreizende Kundgebung veranlaßten, ist bereits mit großer Schärfe eingeschritten worden. Nachdem sich das Ministerium Badem in der Angelegenheit der Wiener Gemeinderathswahlen so nachgiebig gezeigt, kann die auf anderen Gebieten entwickelte Energie kaum noch den Antisemiten iniponiren!