Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 275 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 275 mehr die Freisprechung nur erfolgte, weil sowohl das Schöffengericht als auch die Strafkammer annahm, daß die „Fleischbesudelungs- Fabel" keinerlei Beunruhigung des Publikums hervorgerufen haben könne! Diese moralische Verurtheilung war für die „Hannöv. Post" wahrlich beschämender, als die'Verhängung einer kleinen Geldstrafe! Ter moralische Niedergang hatte bei einer ganzen Anzahl antisemitischer Blätter den finanziellen Rückgang zur Folge. Das Organ der sächsischen Konservativen, „Vaterland", berichtet Folgendes: „Wie vorauszusehen war, ist der Rechnungsabschluß der „Deutschen Wacht" für das Geschäftsjahr 1895 ein recht miserabler. Obgleich nämlich für Abschreibungen nur 5 pCt. (gegen 121/« im Vorjahre) in Rechnung gestellt und die Gehälter und Löhne reducirt worden sind, erforderte das Blatt einen Zuschuß von nicht weniger als 129 619 Mk. Tie Einnahmen aus Abonnement und Inseraten sind noch mehr gefallen, ein Beweis, daß nicht nur der Leserkreis sich vermindert, sondern auch das Vertrauen der Geschäftswelt in die Wirksamkeit der Inserate der „Deutschen Wacht" noch weiter zurückgegangen ist. Tie General-Versammlung der Aktionäre des Blattes hat für die Weiterführung des Unternehmens die Summe von 50 000 Mk. bewilligt, die, wie man schreibt, schon jetzt zum größeren Theil verausgabt ist, und haben wir diesen Beschluß mit großer Befriedigung begrüßt. Wir halten nämlich den Zusammenbruch der „Wacht" für so sicher und unaufhaltsam, daß er auch durch die größten Opfer derjenigen, die nicht alle werden, nicht aufzuhalten ist. Je mehr Leute aber schließlich ihr Geld einbüßen, desto größer muß der Rückschlag werden und desto ' allgemeiner die Ueberzeugung Platz greifen, daß die Führer der Reformpartei, die nicht einmal eine Tageszeitung leiten können, am allerwenigsten geeignet sind, das deutsche Volk aus seinen mißlichen Verhältnissen zu retten." Ob österreichische antisemitische Wortführer im Stande sind,bessere Verhältnisse zu schaffen, wie ihre Vorgänger in der Wiener Stadtverwaltung, deren Geschäftsführung sie stets bekrittelten, wird sich in Wien zeigen. Die Vorkämpfer der österreichischen Antisemiten, vor welchen das Ministerium Badeni kapitulirte, haben jetzt Gelegenheit zu zeigen, ob sie wirthschaftliche Talente besitzen. Ta Dr. Lueger im österreichischen Abgeordnetenhause erklärt hatte: „Dem Kaiser kann ich mich beugen, dem Grafen Badeni niemals!" wurde Lueger zum Kaiser Franz Joseph befohlen, welcher der Erwartung Ausdruck gab, daß er im Interesse der baldigen Wiederkehr normaler Verhältnisse in der autonomen Verwaltung Wiens auf keine Wahl zum Bürgermeister „dermalen" freiwillig verzichten werde. Ob dies in einer für Lueger 19