Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 222 (sequence 9)
- Language
- German
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222 3m deutschen Reich. wird angeblich, selbstverständlich für „diejenigen, die nie ganz alle werden", eine Schauergeschichte von der Ermordung eines Christenknaben in Philippopel durch Nachbarn, die „selbstredend dem Stamme Israel angehören," erzählt. Gewiß ist das „selbstredend", denn wer sonst wird zur Osterzeit einen Mord begehen? Da daö Wiener „Deutsche Volksblatt" die jüdischen Riten besser kennt als wir Juden, wird sie nothwendigerweise zu der Vermuthung gedrängt, daß ein Ritualmord vorliege; in der Türkei der dritte im Laufe zweier Jahre! So ganz geheuer scheint der „D. W." und anderen deutschen Antisemitenblättern, welche den Wiener Bericht wörtlich nbdruckten, die Geschichte nicht zu sein, denn sie fügten in loyalster Weise derSpitzmarke „Ein neuer Ritualmord" ein Fragezeichen hinzu, welches nur etwas dicker und in Gesellschaft eines ebenso dicken Ausrufungszeichens hätte sein sollen. Was wird nun von den Antisemiten urdl et ordi verkündet? 21 Tage vor dem undatirten Bericht aus Philippopel ist ein Christenknabe aus der elterlichen Wohnung „auf ganz unerklärliche Weise" verschwunden und zwei Tage vor jenem unbekannten Datum ist er nach amtlicher (?) Feststellung ermordet worden. — Die Polizei in Philippopel hat aber derartiges keineswegs festgestellt; sie hat sich von leichtgläubigen Fanatikern nicht irre führen lassen; sie hat nicht, wie das „Deutsche Volksblatt" fälschlich berichtet, eine jüdische Familie verhaftet, weil dazu gar kein Anlaß vorlag. Die polizeilichen Ermittelungen ergaben das Folgende: Am Montag, den 11/23. März d. I. trug eine Nachbarin der Mutter des verschwundenen Kindes einen Sack auf ihren Schultern und ging in der Richtung des Waldes nach Stanimaka zu: Auf dem Weg Leerte sie den Inhalt des Sackes aus und ging wieder nach Philippopel zurück. Erdarbeiter, die gesehen hatten, daß die Frau ihren Sack entleerte, begaben sich an die Stelle, wo dies geschehen, und fanden den Leichnam eines Kindes. Ohne Zeit zu verlieren, sind die Arbeiter in die Stadt gelaufen, um diesen Fund der Polizei anzuzeigen, welche konstatirte, daß die Frau, welche den Leichnam bei Stanimaka ablagerte, eine Katholikin sei, welche arretirt wurde. Die Leiche des Kindes wurde in's Spital gebracht. Die Aerzte konstalirten, daß das Kind erdrosselt worden sei. Bei der Untersuchung gestand die katholische Frau, daß sie selbst das Kind getödtet habe. Man vermuthet jedoch, daß ihr Mann am Mord betheiligt sei, weshalb auch der Mann arretirt wurde. Die Polizei zu Philippopel hat Angesichts der offenbar zum Zweck der Aufreizung gegen die Juden verbreiteten falschen Gerüchte Maßnahmen getroffen und folgende Ordre publizirt: „Jede Person, ohne Unterschied der Religion