Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 221 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 221 meinem Herzen findet jeder gottesfürchtige Mensch den gleichen Platz und ich danke dem Allmächtigen, daß die verschiedenen Konfessionen meines Bischofsbezirks in Frieden und Eintracht leben. Glauben Sie mir, ich kenne in meiner Diözese Hunderte und Hunderte Bekenner anderer christlicher Konfessionen und Juden, die rrm's tägliche Brod kämpfen, aber dasselbe ehrlich verdienen. Diese Leute stehen meinem väterlichen Herzen ebenso nahe, und ich schließe ihr Glück ebenso in mein tägliches Gebet, als dasjenige meiner Gläubigen. Es wäre keine gottgefällige Handlung gewesen, wenn ich ihnen die Wohlthat nur deshalb entzogen hätte, weil sie Anhänger eines anderen Bekennin isies sind." Die österreichischen antisemitischen Blätter haben in den letzten Wochen die deprimirte Stimmung in den Kreisen ihrer Parteigenossen durch verschiedene „Beiträge zu dem Blutgebrauch der Juden" zu heben versucht. Unter Anderem berichteten sie, ein bei dem Kaufmann Moritz Möller in Mährisch-Trübau dienendes Mädchen habe dem dortigen Gerichtsarzt Czerny mitgetheilt, daß ihr Dienstherr sowohl ihr wie einem anderen Dienstmädchen Blut abgezapft habe. Das Gleiche sei einer jetzt in Brünn dienenden, früheren Magd Moller's, Philomene Woclavek, widerfahren. Da Czerny unter dem Kniegelenk des Mädchens etwas Schorf fand und die Anzeige bei dem Polizeiamte erstattete, leitete das Landgericht Brünn eine Untersuchung ein. Die Woclavek gab bei ihrer Vernehmung an, sie habe sich nur mir ihrer Nachfolgerin, Emilie Schwabe, einen Spaß gemacht, ohne zu erwarten, daß dieselbe so dumm sein werde, derartiges wirklich zu glauben. Die Gerichtsärzte erklärten, sie hätten an den Körpern der beiden Mädchen Emilie Schwabe und Sophie Namluvil keine Spuren von Wunden gefunden; der Wahn der Blutabzapfung könne sich im Gehirn der Mädchen nur in Folge von Suggestion festgesetzt haben. Von wem diese Suggestion thatsächlich ausgegangen ist, soll erst noch durch eingeleitete gerichtliche Schritte ermittelt werden. Trotzdem Moller's Unschuld durch den Gang der Untersuchung zweifellos bewiesen worden und sein Leumund der beste ist, hat der bedauernswerthe Mann an den Folgen der Verleumdung durch den antisemitischen Theil der Bevölkerung von Mährisch-Trübau auch jetzt noch schwer zu leiden. Die Hetzer haben also ihren Zweck erreicht und setzen das Geschäft fort. Rechtzeitig hat sich das antisemitische Wiener „Deutsche Volksblatt" ein „neues Ritualmord-Märchen" ersonnen, welches auch dem Stoffmangel ihrer nordischen Gesinnungsgenossen abhilft und von diesen eifrig verbreitet wird. Damit die Widerlegung nicht allzuleicht wird, ist der Schauplatz hübsch weit, nämlich nach Philippopel verlegt. Von dort 15*