Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 220 (sequence 7)
- Language
- German
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220 3m deutschen Reich. semitischen Parteien, welcher in einer am 27. März von dem deutschnationalen Verein einberufenen Versammlung besonders grell zu Tage trat, wobei sich die Kluft zwischen den Christlich-Sozialen und den Deutschnationalen völlig unverhüllt zeigte. Trotzdem ist Lueger bei der letzten Wahl von allen 96 antisemitischen Gemeindewählern wiederum zum Bürgermeister von Wien gewählt worden und hat die Wahl selbstverständlich angenommen. Daß Kaiser Franz Joseph diese Wahl bestätigen werde, ist nach den letzten Ausfällen Lueger's gegen Ungarn nicht sehr wahrscheinlich. Für die Wiener Juden wäre es aber geradezu wünschenswerth, daß der Minister Graf Badeni dem Phrasenhelden die Möglichkeit eröffnete, sein angebliches Verwaltungstalent zu erproben. Voraussichtlich würde Lueger weder im Stande fein, den Erwartungen des Prinzen Liechtenstein und des Pfarrers Teckert zu entsprechen, d. h. die antisemitischen Wiener kirchlich gesinnt zu machen, noch auch andererseits den Deutschnationalen zu Liebe den österreichischen Klerikalen germanische Neigungen einzuflößen vermögen. Noch weniger dürfte es ihm gelingen, den Stellenhunger seiner Anhänger zu befriedigen, oder auch nur annähernd solche wirthschastlichen Verhältnisse herzustellen, wie manche das frühere Phäakenthum herbeisehnende Wiener Spießbürger dieselben verlangen. Zwischen den radikalen antisemitischen Elementen in Wien und den klerikalen Gönnern Lueger's bildet thatsächlich die Judenfeindschaft das einzige Bindemittel. Mit Aufstachelung von Neid und Argwohn kann man dabei wohl erfolgreich der Negierung Opposition machen, aber gewiß nicht als Verwaltungsmann irgendwelche wirthschaftliche Erfolge erzielen. Der vielbewunderte Abgeordnete Lueger, desfen Volksthümlichkeit schon jetzt fast nur noch bei den Klerikalgesinnten besteht, dürfte als Bürgermeister Wiens sehr bald erfahren, daß Tadeln weit leichter ist als Bessermachen und die Stunde segnen, in der ihm gestattet würde, sich wieder in das Privatleben zurückzuziehen. Im Gegensätze zu dem österreichischen Klerus, dessen Haltung immerhin Herrn Lueger einen Stützpunkt bietet, bewahren die ungarischen Kirchenfürsten fast ausnahmslos eine höchst tolerante Gesinnung. Der Bischof von Waitzen, Constantin Schuster, der vor Kurzem 100000 Gulden zur Errichtung eines Spitals spendete, in welchem Kranke ohne Unterschied der Konfession Aufnahme finden, sagte zu einem Mitarbeiter des „Pesti Diablo": „Vor dem Nichterstuhle Gottes und in meinen Augen sind alle Menschen gleich. Soll ich mich etwa vor das Thor des Krankenhauses stellen, in das man einen verlassenen Schwerkranken bringt, und ihn etwa fragen: Weß Glaubens bist Du? Das wäre weder menschlich noch christlich. In