Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 216 (sequence 3)
- Language
- German
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216 3nt deutschen Reich. Maße deutsch zu fühlen verlernt hat. Daraus erklärt es sich auch, weshalb es Pflicht ist, gegen seine Verherrlichung anzukämpfen. Es handelt sich dabei nicht um Verkleinerung. Möge er immerhin der „Große", „Unerreichbare" bleiben, wenn dies zum Glück gewisser Leute unentbehrlich ist! Aber er hat schwere Gefahren für die Zukunft unseres Volkes heraufbeschworen. Auf sie aufmerksam zu machen, ist vaterländische Pflicht. Damit verträgt sich die fortgesetzte Verhimmelung nicht; vielmehr ist das Gegentheil unerläßlich als Mittel zu jenem unbedingt nothwendigen Zweck. Diesen Zusammenhang sollte auch ein Kind begreifen." Diese Darstellung ist kaum befremdlicher als die Sprache, welche einzelne Organe der antisemitischen Partei jetzt gegen einen andern Mann führen, welcher früher von ihnen als unübertrefflicher Urheber des Antisemitismus gepriesen wurde. Als das konservative Kesseltreiben gegen diesen Unseligen begann, schrieb die „Tägliche Rundschau": „Stöcker gehört zwar zu jenen Persönlichkeiten, denen ein ausreichender Glaube an das eigene Ich und eine üppige Phantasie gestatten, eigene Fehler in Laster der Andern umzudichten, und er wird in seinem kraftvollen Selbstglauben auch fernerhin gutgläubige Anhängerschaaren zu hypnotisiren vermögen; aber seine Zukunft als Führer einer großen christlichsozialen Partei dürfte er nach den neuesten Enthüllungen doch hinter sich haben. Solche Persönlichkeiten wie er Laugen mehr zu Göttern fanatisirter Sekten, die den „moralischen Maßstab" nicht anzulegen brauchen, als zu Führern von Parteien, die denn doch noch mit anderen Dingen zu wirthschaften haben, als mit „Verehrung" und „blindem Vertrauen". Noch weit heftigere Angriffe hatte der Hofprediger a. D. seitens des Vorsitzenden des Berliner deutschkonservativen Wahlvereins, Oberst z. D. v. Krause, zu erdulden, welcher in einer auf aktenmäßigen Unterlagen beruhenden Schrift Stöcker's Verhalten in der „Hammerstein-Affäre" schonungslos bloßstellte. Diese Darlegungen hatten ein um so aktuelleres Interesse, als die Hauptverhandlung in Sachen von Hammerstein schon am 22. April vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I Berlin stattfand und mit der Verurtheilung des ehemaligen Kreuzzeitungs- Redakteurs zu 3 Jahren Zuchthaus endete. Die Broschüre des Obersten von Krause wurde bereits am 8. April in einer in der Tonhalle in Berlin abgehaltenen Versammlung der christlich-sozialen Partei von Herrn Stöcker selbst, sowie von dem bekannten einzigen antisemitischen Stadtverordneten Berlins, dem Fabrikanten Pretzel, eine Schmähschrift genannt und als eine tendenziöse Verarbeitung der Protokolle des konservativen Parteivorstandes hingestellt. Darauf veröffentlichten konservative Blätter