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Im deutschen Reich · 1896-04-01 · Heft 4 (April 1896) · p. 198

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 4 (April 1896)
Article
Schlimme Rathschläge
Date
1896-04-01
Page
198 (sequence 12)
Language
German
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198 Im deutschen Reich. müssen sie vertheidigen. Die Juden haben auch nie deshalb ein Land in großer Zahl verlassen, weil ihnen Schwierigkeiten bereitet wurden, sondern nur, wenn man ihnen nur die Wahl zwischen Auswanderung und Religionswechsel ließ. Es hat sich auch an den Beispielen von Sachsen und Steiermark längst gezeigt, daß der Antisemitismus oft dort am größten ist, wo sich die wenigsten Juden aufhalten, wo also die Verleumder und Hetzer am wenigsten zu fürchten brauchen, daß ihre Lügen an dem besseren Wissen breiter Volksschichten Widerstand finden. Dem entspricht, was einer der christlichen Gegner des Antisemitismus, Walter Pohlmann, mit Recht hervorhebt, daß man ein anstößiges Betragen hauptsächlich in denjenigen Gegenden Deutschlands als ein jüdisches zu bezeichnen pflegt, in denen die wenigsten Juden leben. Würden die Juden, zumal die wohlhabenden und gebildeten, aus Deutschland auswandern, so würden die übrigen noch mehr als jetzt zu leiden haben. Als der größte Theil der Hugenotten Frankreich verlassen hatte, wurden die übrigen etwa ein Jahrhundert hindurch nur noch mehr bedrängt. Auch gegenüber dem Deutschen Vaterlande haben die Juden die Psticht, hier zu bleiben; Religionsverfolgung, Klassen- und Rassenhaß würden, wenn sie einmal einen so bedeutenden Erfolg wie eine merkliche Verminderung der Bekenner des Judenthums errungen, noch weiter zunehmen, wenn sie sich dann vielleicht auch in erster Linie gegen andere Personengruppen wenden würden. Neben diesen beiden ganz unbrauchbaren Rathschlägen enthält die Broschüre „Vor dem Sturm" noch andere, die ebenfalls zur Erreichung des Zweckes, uns von den Schädigungen des Antisemitismus zu befreien und vor den von ihm drohenden Gefahren zu sichern, z. T. recht wenig geeignet sind. Gewiß hat Cohn Recht, wenn er uns mahnt, uns „auf der Straße, in öffentlichen Fahrgelegenheiten, in Konzerten, Theatern still zu verhalten, auch nicht durch auffallende oder reiche Toiletten unserer Frauen und Töäiter. durch laute Unterhaltungen prahlerischen Inhalts, durch eine rücksichtslos hochmüthige Körperhaltung und andere Unarten den Aerger oder den Neid der Anderen zu erregen." Aber er geht doch viel zu weit, wenn er in Bezug auf das öffentliche Leben und den Verkehr mit unseren Mitbürgern meint, wir sollten uns „so wenig wie möglich bemerklich" machen, und namentlich, wenn

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