Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Schlimme Rathschläge
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 197 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316616-2318480--00994-2318549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schlimme Äathschläge. 197 Bruchtheil der Juden zur Sozialdemokratie überginge, auch patriotische jüdische Bürger auf Grund des Verhaltens ihrer Glaubensgenoffen zurückgesetzt werden. Es ist ebenso unmöglich, den Glaubensgenossen ihr politisches Verhalten vorzuschreiben, wie es unsittlich ist. Möge heute und in Zukunft in politischer Beziehung jeder seiner Ueberzeugung folgen! Es ist kaum nöthig, daran zu erinnern, daß vor dem Erscheinen des Antisemitismus innerhalb aller politischen Parteien Juden waren; denn die Verschiedenheit des Berufes, des Temperaments und des Alters mußten so gut unter uns wie unter unseren christlichen Mitbürgern den Einzelnen ganz verschiedene Maßregeln als dem Vaterlande nützlich erscheinen lasten. Nur das Nachwirken der Thatsache, daß die Judenemanzipation zu den Forderungen der liberalen Parteien gehört hatte und die auf historische Verhältnisse zurückgehende stärkere Betheiligung der Juden an bestimmten Berufen hatte die Wirkung, daß sie zu einzelnen Parteien mehr Anhänger als zu anderen stellten. Würden wir einige Dezennien ohne Antisemitismus erleben, so würden wohl, wie in England, die Juden in allen Parteien ziemlich gleichmäßig vertreten sein. Einer Partei, welche uns unsere Staatsbürgerrechte nehmen will, können wir natürlich nicht beitreten; im Uebrigen aber möge jeder für die Partei wirken, welche ihm die Jnteresten des Reichs am besten zu vertreten scheint. Ebenso unbrauchbar wie Cohn's Vorschlag bezüglich des politischen Verhaltens ist auch der, durch organisirte Massenauswanderung nach Nordamerika die Antisemiten oder mindestens die Regierung von der Gemeinschädlichkeit der Verfolgung der Juden zu überzeugen. Zunächst würden die Emigranten nicht allzuviel erreichen. Eine Masteneinwanderung in die Vereinigten Staaten würde unfehlbar dort schon vorhandene antisemitische Regungen vermehren, da die Einwanderer sich von dem Kerne der amerikanischen Bevölkerung in Sprache und Sitten einige Zeit hindurch noch bedeutsam abheben würden. Vor Allem wäre es aber feige den heimathlichen Boden zu verlassen, um Anfeindungen zu entgehen, die bekämpft und überwunden werden können. Gleichviel, ob die Gegner über die Verminderung der Juden Freude oder Reue empfinden würden, wir dürfen wohlerworbene und verbriefte Rechte nicht aufgeben, sondern