Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Schlimme Rathschläge
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 195 (sequence 9)
- Language
- German
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Schlimme RathschlLge. 195 ein, wenn Herzl die Juden als ein Volk bezeichnet. Der weitaus größten Mehrzahl der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sind aber die Anschauungen und Wünsche Herzl's völlig fremd. Nicht mit den französischen, englischen, persischen rc. Juden, mit denen wir nur die Religion, sondern mit unseren christlichen Mitbürgern, mit denen wir Staat, Recht, Sprache, Kunst, Wissenschaft, Literatur und die historischen Erlebnisse der letzten Jahrhunderte gemeinsam haben, bilden wir ein Volk! So wenig wie Herzl's Vorschlägen können wir den in der Schrift eines anderen Glaubensgenossen, Or. Bernhard Cohn, „Vor dem Sturm" enthaltenen Rathschlägen folgen. Dieser will für die Sozialdemokraten Anhänger werben, aber nicht in der Art, daß er ihre Forderungen und Ziele zu rechtfertigen sucht — in diesem Falle hätte er sich ja nicht an uns, sondern an das gesammte deutsche Volk wenden müssen — sondern vom speziell jüdischen Standpunkte. Er meint, daß auch diejenigen Juden, welche den Zukunftsstaat nicht wünschen, für die Sozialdemokratie erntreten sollen. „Für die große Masse der Juden, den Kleinhandwerker, den unteren Angestellten, den Handelsmann, den unteren und mittleren Kaufmannsstand", sei es „das Zweckmäßigste, sich der Sozialdemokratie anzuschließen, von deren Anhängern sie doch eigentlich in hervorragendem Grade ihren Lebensunterhalt ziehen." Also: Wess' Brot ich esse, dess' Lied ich singe. Die Käufer geben dem jüdischen Handwerker oder Kaufniann ihr Geld doch nicht umsonst, sondern für wirthschaftliche Gegenleistungen. Es wäre schmählich, wenn dieser zugleich mit seiner politischen Gesinnung Handel treiben wollte. Wie wir uns mit Recht dagegen wehren, daß Beamte ihren Einfluß zu Gunsten antisemitischer Kandidaten geltend machen, so dürfen wir uns auch von niemand zum Anschlüsse an eine politische Partei anders als durch Vorführung von Gründen bestimmen lassen, daß diese Partei das für das Wohl Deutschlands Förderlichste wolle. Roch thörichter ist ein anderer Grund, den C. bei seiner Werbung für die Sozialdemokratie anführt. Da „thätliche Angriffe nur von Seiten der großen Masse des Volkes uns drohen, aus welcher sich die Anhänger der Sozialdemokratie rekrutiren," sei es „unser Vortheil und unsere Pflicht, diejenigen uns zu Freunden zu halten, die im Augenblick der Roth am wirksamsten