Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 179 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Vereinsnachrichten. 179 geprägt. Der Vortragende erzählte die dem Stücke zu Grunde liegende Fabel, zeigte alle Einzelheiten des verwerflichen Verhaltens des Shylok und dessen von allen Venetianern bejubelte Niederlage, welche auch den Jubel des Publikums erregen mußte, mit welchem Shakespeare zu rechnen hatte. Aber in diesen Jubel mischt sich, erzeugt durch viele einzelne meisterhaft angedeutete Züge, welche Shakespeare dem schließlich gebrochen davonwankenden Juden verlieh, das von dem großen Dichter gewollte Gefühl Liefen Mitleids. Des Shylok's Unmenschlichkeit ist ihm die Folge einer Behandlung, bei welcher man ihn nicht als Menschen gelten ließ. Sein Haß entspringt niedrigen, geschäftlichen Motiven; er wird aber dadurch geschürt, daß man ihn in seiner Abstammung, seiner Religion, in seiner Familienehre, in seiner Vaterliebe beleidigt, sein eigenes Kind dazu verleitet, ihn zu bestehlen und z. B. bei der Vergeudung des Rings der Mutter pietätlos zu handeln. In einer gefühlvolleren Zeit hat dies und der Ausgang der Gerichtsscene so tiefes Mitleid mit dem Shylok erweckt, daß man bei der Aufführung den heiteren Schlußakt weglassen mußte und das zu einer großartigen Tragödie gewordene Lustspiel mit der Gerichtsscene endigen ließ. So wurde das Stück im vorigen Jahrhundert stets in Deutschland aufgeführt. In unserer Zeit hat eine brillante, phantastische Ausstattung den heiteren Schlußakt wieder möglich gemacht, aber trotzdem läßt sich der von dem Dichter beabsichtigte Eindruck nicht verwischen, das; die Menschlichkeit zur Toleranz verpflichtet. Dieser Gedanke ist im Shylok fast noch stärker als im 'Nathan zum Austrag gebracht. Als „Nathan der Weise" geschrieben und „Der Kaufmann von Venedig" zuerst in Deutschland aufgeführt wurde, hatten die Deutschen Grund, freudigen Herzens Toleranz zu üben. Seitdem ist die Stellung der deutschen Juden eine andere geworden; sie sind nicht mehr Schutzsuchende, sondern verfassungsmäßig gleichberechtigte Staatsbürger. Sie kämpfen darum, daß die auf dem Papier stehende Gleichberechtigung eine Wahrheit, daß die Theorie zur Praxis werde. Dies müßte das Bestreben aller Wohlmeinenden sein. Der Redner erklärte, es sei das Traurigste, was er erlebt habe, daß der in seiner Jugend so mächtige Toleranzgedanke sichtlich im Rückgänge begriffen sei, daß eine separatistische und partikularistische Strömung Christen und Juden zu scheiden drohe. Die Letzteren hätten die Pflicht, die ihnen zugestandenen Rechte zu wahren, festgeschaart zur Abwehr, nicht zum Angriff, nicht sich absichtlich absondernd, dann werde sich der von Goethe bezüglich Lessing's Nathan ausgedrückte Wunsch erfüllen: „Möge dies göttliche Schonungs- und Duldungsgefühl der Nation erhalten bleiben!" Den Redner lohnte reicher, langanhaltender Beifall der Versammlung. Sodann sprach der Vorsitzende, Herr Dr. Horwitz, den Dank