Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 178 (sequence 9)
- Language
- German
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178 3m deutschen Reich. stylistische Meisterschaft Aufsehen erregen mußte. Im dieser Zeit kam er darauf, den Gedanken der religiösen Toleranz dichterisch zu verarbeiten. In dem 1779 vollendeten Drama „Nathan der Weise" beabsichtigte er sicher nur, den richtigen Menschen darzustellen, zu beweisen, daß der Jude ein vortrefflicher Mensch sein könne, nicht aber sein müsse. Die den Mittelpunkt des Stückes bildende Fabel von den drei Ringen sei sehr alt, in anderer Version schon im Jahre 1100 bekannt gewesen und nackmannigfachen Wandlungen schließlich in Bocaceio's Decamerone veröffentlicht worden. Diesem entnahm sie Lessing, aber er fügte aus Eigenem die die reinste Blüthe der Tolecanzidcen darstellende Antwort des weisen Richters hinzu. Lessing wollte keinen der drei Ringe bevorzugen, keine Konfession verherrlichen, sondern beweisen, daß der Werth des Menschen nur durch sein sittliches Verhalten, durch seine Stellung zu den Nebenmenschen bedingt werde. Wohl sei sein Nathan ein Jude in Kleidung, Wesen und vielen kleinen nationalen Zügen, aber er thue sich darauf nichts zu Gute; er erziehe die Recha konfessionslos, er schätze den Derwisch als seinen wahren Freund und im Klosterbruder nur den guten Menschen, wenn er ihm antworte: „Das, was auch Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden!" Immer steht bei Nathan nicht die Religion, sondern die Menschlichkeit im Vordergrund. Noch weniger als bei Nathan das Judenthum, kommt bei Saladin der Islam zur Geltung, selbst seine Frage nach der besten Religion entspringt nicht wahrhaft dem Bedürfnis; nach Aufklärung in religiösen Dingen.. Die in dem Stück vorkommenden Christen erscheinen minderwerthig; die befangene, schwatzhafte Daja, der gutmüthige, aber beschränkte Klosterbruder, der fanatische Patriarch, welchem Lessing wohl einzelne Züge seines Gegners, des Hauptpastors Götze verlieh, könnten keine Vorbilder für Christen liefern. Selbst der Tempelherr sei in Voruriheilen seines ritterlichen Standes befangen, aus denen er sich erst zu einer freien Stellung emporringen müsse. Offenbar kam es Lessing nur darauf an, Vorurtheile zu bekämpfen, die er damals bei orthodoxen Christen fand, die ihm aber bei orthodoxen Juden sicher ebenso unheimlich gewesen wären. Wir stehen heute noch lange nicht auf dem vorurtheilsfreien Standpunkte Lessing's, sind eher noch von demselben weiter entfernt wie früher, aber sein Buch gilt heute wie damals denen als Bibel, welche wahres Menschenthum und Toleranz anstreben. Es hat lange gedauert, ehe der Nathan auf die Bühne gebracht wurde; kein Geringerer als Friedrich Schiller war es, der ihn bühnengerecht machte. — Wenn man den Shylok im Gegensätze zum Nathan als die dem Judenthum angedichtete tiefste Schmach bezeichnet, ist dies nur bis zu einem gewissen Grade zutreffend, denn mitten in diesem heiteren Lustspiel sei die tiefernste Toleranzidee scharf aus-