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Im deutschen Reich · 1896-03-01 · Heft 3 (März 1896) · p. 177

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 3 (März 1896)
Article
Vereinsnachrichten
Date
1896-03-01
Page
177 (sequence 8)
Language
German
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Veremsnachrichten. 177 Der Saal, die Nebenräume und die Tribünen waren dichtgefüllt und Hunderte mußten umkehren, weil sie keinen Einlaß mehr finden konnten. Nachdem Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz die Versammlung mit einer kurzen Begrüßung eröffnet hatte, sprach Herr Kammergerichtsrath Ernst Wichert in schwungvoller freier Rede über „Zwei berühmte Judengestalten auf der Bühne". Der Herr Vortragende ^begründete die Wahl seines Themas durch die Beziehungen, welche er als dramatischer Schriftsteller zur Bühne habe, sowie durch seinen Wunsch, auf neutralem Boden zu bleiben und dennoch dasjenige zu berühren, was er für die eigentlichen Bestrebungen des Central-Vereins erachte. Wenn er gut unterrichtet sei, verfolge dieser Verein weder partikularistische noch separatistische Zwecke; auch beanspruche derselbe nicht für das Judenthum und die Juden eine bevorzugte Stellung. Im Gegentheil halte es der Verein für seine Aufgabe, die Angriffe derjenigen abzuwehren, welche von ihrem separatistischen Standpunkte aus bestreiten, daß die deutschen Juden einen Theil der deutschen Nation bilden und sie dazu bringen möchten, in das Land zurückzukehren, von dem sie ursprünglich ausgegangen sind. Die auf Abwehr dieser Angriffe gerichteten Bestrebungen seien ihm immer sympathisch gewesen. Er sei in Königsberg geboren und aufgewachsen in einer Zeit, wo dort noch der Geist Kant's und Herder's rege war. Mehr oder minder habe dieser Geist in den vierziger Jahren auch im übrigen Deutschland gewaltet, als die humanistische Gesinnung auf alle gesellschaftlichen Beziehungen einwirkte. Das von ihm gewählte Thema sei geeignet, auf Bestrebungen hinzuleiten, welche die Toleranz zum Ziel haben, wenn es auch zunächst nur Gelegenheit gebe, ein literarisches und ästhetisches Gebiet zu betreten. Es könne ihm nicht einfallen, dieses Thema zu erschöpfen, denn darüber sei schon so viel geschrieben worden, daß es ganz unmöglich sei, das ganze Material mitzutheiten. Die beiden Judengestalten, welche er im Auge habe, „Nathan der Weise" und „Shylok", seien scheinbar so sehr verschieden, so weit von einander getrennt, daß es schwer sei, zwischen beiden eine Brücke zu schlagen und zwischen der höchsten dichterischen Verklärung eines Juden und der schmachvollsten Verhöhnung eines solchen eine Parallele zu ziehen — dennoch sei dieselbe möglich. Lessing, der Sohn eines protestantischen Pfarrers, habe sicher nicht die Absicht gehabt, Hi Juden als solchen zu verherrlichen oder die mosaische Religion über alle anderen zu stellen. Wenn auch der positiven Religion entfremdet, habe er sich sehr lange mit christlich-theologischen Dingen beschäftigt und sei durch die Herausgabe der Wolsenbüttler Fragmente deS Rationalisten Reimarus in einen schlimmen Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Götze gcrathen. Von den Orthodoxen heftig angegriffen, habe Lessing Streitschriften verfaßt, deren 12'

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