Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 154 (sequence 7)
- Language
- German
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164 Im deutschen Reich. anerkennt, wird unzweifelhaft die Folge haben, die Juden in Czarnikau der dortigen Abtheilung des „Vereins zum Schutze des Deutschthums" vollständig zu entfremden. Alles, was in Deutschland bisher auf dem antisemitischen Gebiete geleistet wurde, ist durch das Verhalten der österreichischen Judengegner in den Schalten gestellt worden, wobei sich die Konvertiten und ihre Sprößlinge durch besonderen Eifer hervorthun, um ihre Abstammung vergessen zu machen. Dem Rechtsanwalt vr. Löw, welcher den bekannten Pfarrer Deckert in einem Ritualmord-Prozesse vertheidigte, reihte sich würdig Herr von Pacher an, den seine direkte jüdische Abstammung nicht hinderte, im österreichischen Landtage den Antrag zu stellen: „Jeder, dem nachgewiesen werden kann, daß einer seiner Urgroßväter dem mosaischen Glauben angehört hat, kann des österreichischen Staatsbürgerrechtes entkleidet werden." Die mahnenden Worte, welche Kaiser Franz Joseph kurz vor den Wiener Gemeinderathswahlen auf einem Ball an die Beamten richtete, um dieselben von der Betheiligung an einem regierungsfeindlichen Treiben zurückzuhalten, sind leider wirkungslos verhallt. Eine in Wien von einem Ausschuß behufs Besprechung von Standesfragen einberufene, streng vertrauliche Versammlung von Staatsbeamten mußte, noch bevor sie begonnen, wegen skandalöser antisemitischer Kundgebungen aufgelöst werden. . Bei den am 27. Februar stattgehabten Wiener Gemeinderathswahlen, aus dem meist den Gewerbestand umfassenden dritten Wahlkörper sind sämmtliche 46 Mandate den Antisemiten zugefallen. Am 2. März fanden die Gemeinderathswahlen im zweiten Wiener Wahlkörper statt, zu dem die höheren Beamten, die Lehrer und das gebildete und besser situirte Bürgerthum gehören. Dank der geringen Regierungsfreundlichkeit zahlreicher Beamten behaupteten die Antisemiten ihre 32 Mandate, die ste im September erobert hatten, und den Liberalen verblieben nur 14. Bei den am 5. März vorgenommenen Gemeinderathswahlen des ersten Wahlkörpers gewannen die Antisemiten zu den bisherigen 14 Mandaten noch 4 neue. Der Wiener Gemeinderath, welcher nun aus 96 Antisemiten und 42 Liberalen besteht, wird zweifellos Dr. Lueger abermals zum Bürgermeister wählen. Es heißt nun, der Minister Graf Badeni sei für diesen Fall entschlossen, der Krone überhaupt keinen Vorschlag zu unterbreiten, sondern die Entscheidung dem freien Ermessen des Kaisers Franz Joseph zu überlassen. Mit der Gesinnung des österreichischen Monarchen genau vertraut, hat Graf Badeni bereits vor den Wiener Wahlen erklärt, er messe dem Ausfälle der letzteren keine politische Bedeutung bei. Als kürzlich eine Abordnung der Wiener israelitischen