Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 150 (sequence 3)
- Language
- German
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150 3m deutschen Reich. öffentlichen Aufruf hieß es: „Wenn dieser Versuch einer Zurückdrängung der jüdischen Presse mißlingt, wird die Herrschaft des fremden und gefährlichen Geistes in unserm Volke auf lange Zeit besiegelt fein." Nun ist der Versuch mißlungen, aber es hat sich dabei nur gezeigt, daß die Mehrheit des Volkes von der Herrschaft des ihm fremden und gefährlichen Geistes des Rassen- und Religions- Hasses nichts wissen will. An diesem gesunden Sinne des deutschen Volkes werden hoffentlich auch jene schändlichen Versuche der antisemitischen Presse scheitern, am Ausgang des 19. Jahrhunderts die breiten Schichten der Bevölkerung durch mittelalterliche Ritualmord- Märchen zu fanatisiren. Mit Abscheu und Verachtung sind bisher von denselben jene Verdächtigungen zurückgewiesen worden, welche an einigen entsetzlichen Mordthaten, deren Urheber noch unermittelt geblieben, von verschiedenen Hetzblättern in der leichtfertigsten Weise geknüpft wurden. Allem Anscheine nach hat man aber nicht nur in den breiten Schichten, sondern auch in den höchsten Kreisen allmählich über die Gemeingefährlichkeit der antisemitischen Bewegung volle Klarheit gewonnen. Das als Organ des ehemaligen Hofpredigers Stöcker bekannte Blatt „Volk" richtet an die Leiter der konservativen Partei folgende Fragen: „1. Hat der Hof von den konservativen Führern die Trennung von Stöcker verlangt oder nicht? 2. Haben einzelne konservative Führer über diese Frage mit hochgestellten maßgebenden Persönlichkeiten konferirt oder nicht? 3. Ist von höchster Stelle einem Kammerherrn und Abgeordneten die Genugthuung über die gefallene Entscheidung ausgedrückt worden oder nicht?" Offenbar wünscht die Redaktion des „Volk" keine öffentliche Bejahung der Fragen nach Thatsachen, die ihr kaum zweifelhaft sein können. Auch die bekanntlich von dem Fürsten Bismarck beeinflußten „Hamburger Nachrichten" wenden sich neuerdings scharf gegen den Hofprediger a. D., insbesondere aber gegen die auf seinen Vorschlag von dem Frankfurter Parteitage der Christlich-Sozialen angenommene Resolution, wonach die Partei eine größere wirthschaftliche Gleichstellung zwischen Armen und Reichen erstrebt und die großen Vermögen bekämpfen will. Das „Hamburger Blatt" sagt: „Die neue Erklärung Stöcker's liefert, zusammen mit Aeußerungen, die er früher in unbewachten Augenblicken gethan, z. B. mit der bekannten Adressirung geldbedürftiger Arbeiter an den Tresor des Herrn von Bleichröder, den Beweis, daß aus dem früheren Bekämpfer der Sozialdemokratie, Stöcker, allmählich ein Bundesgenosse derselben geworden ist, der sich nur noch durch sein Christenthum von ihr unterscheidet. Wie