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Im deutschen Reich · 1896-03-01 · Heft 3 (März 1896) · p. 139

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 3 (März 1896)
Article
Herder und die Bibel
Date
1896-03-01
Page
139 (sequence 6)
Language
German
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Herder und die Bibel. 139 und der Generalsuperintendent von Weimar sicherte gem den Erzählungen der Rabbinen das Bürgerrecht selbst in unseren Schullesebüchern, wo sie nun unerkannt geduldet wurden. Dies Herder'sche Werk, das die Bibel, jedes falschen Glanzes entkleidet, in ihrer eigenen Herrlichkeit schauen ließ, zeigte so recht, wie die Dichtung eines Volkes aus seiner Geschichte verstanden werden muß. Es konnte um so eher auf alle Kreise wirken, als die Bibel allgemein bekannt war, und so gehört es gerade zu den Werken, die zu ihrer Zeit am meisten zur Umgestaltung der dichterischen Formen beigetragen haben. Die Bibel hat also, wie in jedem Zeitalter der Umwandlung, auch damals das ihrige dazu beigetragen, gerade die lyrische Seite der Dichtung zu beleben. Besonders stark hat sie auf Schiller gewirkt, der nicht nur die „Sendung Mosis" schrieb, sondern auch selbst einen „Moses" dichten wollte. Nun, aus dem Wirken der damaligen Geistes- und Dichtergrößen, die den deutschen Geist von fremdem Flitter freigemacht und doch gezeigt haben, wie man von fremder Gediegenheit beeinflußt werden kann, konnten später in trüber Zeit die vaterländischen Dichter hervortreten, die schließlich den großen Ereignissen unseres Jahrhunderts vorgearbeitet haben. Außerdem hat Herder's tiefgehende Beschäftigung mit der Bibel auf seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" gewaltig eingewirkt, und man braucht dieses Werk nur zu nennen, um sofort an den starken Einfluß zu denken, den es auf alle Geistesströmungen selbst noch unserer Zeit gehabt hat. Der Gesprächston in seinem Werke „Vom Geist der hebräischen Poesie", der Ton des milden, ruhigen Lehrers, dies Lob der als arm verschrieenen hebräischen Sprache, diese Art, die Geschichte des Judenthums an sich, losgelöst von allen gelehrten Voraussetzungen, zu betrachten, ebenso wie viele Einzelheiten dieses Buches finden sich auch im Cusari des Juda-Halevi. In seiner Vorrede gesteht Herder offen, dies Buch zunächst in seiner Form sich zum Muster genommen zu haben — es würde aber einer besonderen Arbeit bedürfen, um im Einzelnen darzustellen, was beide Bücher mit einander gemeinsam haben. Welch schönes Bild! Der protestantische Geistliche, vor sich die Bibel, einen Talmud-Folianten und den Cusari, das Werk eines mittelalterlichen Geistesgenossen, um ohne jede Vorein-

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