Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Herder und die Bibel
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 138 (sequence 5)
- Language
- German
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138 Im deutschen Reich. Auf dieser geschichtlichen Grundlage verstand Herder die biblische Dichtung. Die davidischen Psalmen mußten auch die menschlichen Schwächen und Leidenschaften durchscheinen lassen; aber um so tiefer ist die dichterische Wirkung derselben, um so leuchtender hebt sich aus solchen Stimmungen der Dichter zu rein menschlicher Hoheit hervor, um dann Lehren des Edelsinns aussprechen zu können. Gerade für die Tempelgesänge, für die Wallfahrtslieder, die uns oft farblos und nichtssagend erscheinen könnten, hatte Herder die tiefe Nachempfindung. Er sah in ihnen, wie das Volk aus den Dörfern zur festlichen Wallfahrt sich erhob, wie beim Anblicke der Thore und der Straßen Jerusalems alle Schwierigkeiten des Weges vergessen waren; man freute sich, in der Stadt des Richterstuhls zu sein und zog, an die Lieben in der Heimath denkend, zur Zionshöhe empor. Er belauscht die Wallfahrer beim Rückzuge, wie sie an Weib und Kind und die tägliche schwere Ackerarbeit sich zufrieden und glücklich erinnern und Gedanken der Volkseintracht und des allgemeinen Wohls in ihre Dörfer zurücktragen. Wie sehr bedauerte es damals Herder, daß die Deutschen solche Gesänge der Vaterlandsliebe nicht besäßen, und wie rühmte er ihnen diese Lieder als Muster! Die Psalmen, welche von der Zukunft der Menschheit sprechen, führen uns zu den Propheten hinüber. Auf ihnen ruht der Gottesgeist, kein Geist finsterer Herbigkeit, sondern der Geist des Vaters und des Königs, der das Glück Aller verlangte. Sie waren darum die unbestechlichen Verkünder des strengen Rechtes für Alle, der verloren gegangenen Liebe und Einfalt, sie ertrugen den Haß ihrer Zeit, indem sie in bessere Zeiten schauten. Aber ihre Zukunftsbilder beruhen auf der Grundlage der Thora und der Psalmen und gehen in der Form über dieselben nicht hinaus. Sie sehen alles Große ihrer Zeit sinken, aber sie schauen in eine Zukunft hin, wo Löwe und Lamm neben einander wohnen, der Knabe die Hand getrost in die Bafiliskenhöhle stecken und die Waffe vor Sense und Sichel verschwinden wird. Dann ist jenes Urlicht (diese Andeutung dürfen wir nie vergessen, wenn sie Herder auch nur an einer Stelle hingeworfen hat) überall verbreitet und die Finsterniß der Vorzeit verschwunden. Auch im Talmud suchte Herder nach solchen Bestandtheilen,