Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Herder und die Bibel
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316615-2318306--00859-2318397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herder und die Bibel. 13L Aeußerungen, Gedankenblitze, die zur Forschung anregen, aber diese nothwendige Ergänzung der Lessing'schen Thätigkeit blieb erst Herder aufgespart. Herder zeigte, wie auch losgelöst von den Formen und Regeln der Alten eine aus dem Volke selbst kommende Dichtung vorhanden sei, die trotz ihrer Ecken und Härten als die eigentliche Quelle der Kunstdichtung angesehen werden müsse. In seinen „Stimmen der Völker" sammelte er alle ihm zugänglichen Volkslieder, er zeigte, wie trotz ihrer äußeren Verschiedenheiten sie doch alle von gleichen Ausgangspunkten zu gleichen Zielen gingen, wie sie ohne alle Regeln, im Drange, ihrer Empfindung Luft zu machen, immer von selbst die wirksamsten Mittel finden, gleichgestimmte Seelen zur Mitempfindung zu bringen. Von Kindheit auf hatte ihn die Bibel erfreut und angezogen; später veranlaßte ihn sein geistlicher Beruf, sich eingehend mit ihr zu befassen. Endlich sah er, der Genosse eines Goethe, in ihr den Verjttngungüborn für die Dichtung, ja, für die Veredelung der Menschheit selbst. Hier sei nur auf sein Werk „Ueber den Geist der hebräischen Poesie" hingewiesen, ein Buch, das er nach seinem eigenen Geständnisse von jeher in seinem Herzen getragen. Die Bibel war vorher von Seiten ihrer Verehrer ebenso mißhandelt worden, wie von ihren Feinden. In der Synagoge, wie in der Kirche gehcimnißte man in die einfachsten Sätze die verschiedenartigsten Dinge hinein, und man war mit beut Prediger am meisten zufrieden, wenn er durch kühne Ilmdeutungen einen Vers in sein Gegenthcil verwandelt hatte. Sollte denn das einfache, selbstverständliche Vibelwort für geistvolle Menschen einen Werth haben? Anders machten es die Bolingbroke und Voltaire, die in der Bibel die Grundlage des Glaubens und der damaligen staatlichen Verhältnisse haßten. Sie verspotteten die Schrift wegen der kindlichen, darin enthaltenen Gottes- und Weltanschauung; ihnen erschien außerdein Noah als Trunkenbold, Abraham als ängstlicher Lügner, Isaak als Schwächling, Jakob als Betrüger; in Moses und seinen Nachfolgern, in Josua, den Richtern und den Königen sahen sie beschränkte, bluttriefende, zum Theil lasterhafte Volkssührer; die Propheten waren niedrige, von Haß gegen ihre Feinde und von kleinlichem Mißtrauen gegen ihr Volk erfüllte Heilige: Und