Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Schwere Zeiten
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 131 (sequence 5)
- Language
- German
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Schwere Zeiten. 131 Geistes. Wohl uns, daß wir mit der Nothwendigkeit eines Kampfes beladen, für etwas kämpfen, das mehr werth ist als wir, was höher steht als jede einzelne Gemeinschaft; ein Kampf für uns, aber zugleich für etwas, welches das Ziel und der eigentliche Werth aller gesellschaftlichen Entwickelung ist." Aber selbst diese Ueberzeugung, daß wir nicht für uns, sondern für die dem gesammten Vaterlande werthvolle Kulturerrungenschaft einstehen, kann den Schmerz nicht lindern, den deutsche Juden darüber empfinden, daß es überhaupt in unserer Zeit noch eines solchen Kumpfes bedarf, daß wir uns heute erst noch einer Gabe würdig erweisen sollen, die kein Geschenk war, sondern etwas, auf das wir als geborene Deutsche vollgültigen Anspruch hatten. Profeffor Mommsen hat es bereits vor Jahren ausgesprochen: „Unsere Nation ist durch Recht und Ehre verpflichtet, die Juden in ihrer Rechtsgleichheit zu schützen, sowohl vor offenem Rechtsbruch, wie vor administrativer Prellerei; und diese Pflicht, die wir vor Allem uns selbst schulden, hängt keineswegs ab von dem Wohlverhalten der Juden." Ohne eigene Nationalität schöpfen die Juden aus allen Volksgeistern, deren Theile sie geworden sind und wirken entsprechend auf dieselbe zurück. Profeffor Oettli aus Greifswald erklärte kürzlich im Evangelischen Verein für kirchliche Zwecke: „Israel hörte im babylonischen Exil auf, ein Volk zu sein." Die deutschen Juden sind durch eine Art geistiger Wahlverwandtschaft mit dem Germanenthum vollständig Deutsche geworden; fie reden nicht nur, sie denken deutsch; erfüllt durch deutsche Wiffenschaft und Kunst, wirken sie schon seit geraumer Zeit je nach Maßstab ihrer Kraft mit an allen großen deutschen Werken. Sie fühlten sich von ihren christlichen Mitbürgern nur noch durch das religiöse Bekenntniß geschieden, als jener entsetzliche Rückschlag kam und die traurige Bewegung begann, durch die sie nach und nach wider ihren Willen in eine Art von Sonderstellung zurückgedrängt wurden. In einer Zeit, in welcher sich so viel Gruppen zu Jntereffen- Vertretungen sondern, mußte es so kommen. „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre;" nichtswürdig aber auch eine Religionsgesellschaft, die sich nachsagen läßt, sie sei von Religionswegen zu Verbrechen berechtigt, sogar verpflichtet. Seit zwanzig Jahren haben es die deutschen Juden ruhig zugelassen.