Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Schwere Zeiten
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 130 (sequence 4)
- Language
- German
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130 Im deutschen Reich. gehört es wohl auch, daß die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ein Vierteljahrhundert, nachdem ihre Gleichstellung im ganzen deutschen Reiche Rechtskraft gewonnen hatte, gezwungen find, sich zur Vertheidigung der Emanzipation zusammenzuschaaren. Die ersten Angriffe auf dieses Produkt des Kulturfortschritts des deutschen Volkes, auf diesen Akt der Ausgleichung eines tausendjährigen Unrechts, hätten sofort von der Mehrheit der Nation zurückgewiesen werden müssen. Wohl fühlten einzelne edle christliche Männer in sich den Drang, das abzuwehren, was ihnen als „Schmach des Jahrhunderts" galt und gelten mußte, aber nur wenige erkannten die Gefahr der Bewegung so deutlich wie Proseffor Theodor Mommsen, der von derselben sagte: „Das hindert nicht, daß sie an Personen und Interessen schweren Schaden stiftet und giebt uns nicht das Recht, diesem selbstmörderischen Treiben des Nationalgefühls schweigend zuzuschauen." Für alle Zeiten wird es unvergessen bleiben, daß der große Rechtslehrer Rudolf von Gneist es war, welcher mit offenem Visir dem kulturfeindlichen und rechtswidrigen Streben der Antisemiten entgegentrat. Als gewissenhafter Richter und scharfsinniger Rechtshistoriker mußte er ein Gegner der in ihrem innersten Kern ungerechten Bewegung sein. Er verkannte es aber auch nicht, daß es Pflicht der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sei, selbst für ihre Rechte einzutreten, nachdem ihre Gegner mit der Forderung hervorgetreten waren: „Die Emanzipation der Juden ist aufzuheben; dieselben sind unter ein besonderes Fremdenrecht zu stellen." Wenige Wochen vor seinem Hinscheiden schrieb Gneist aus Anlaß der Begründung unsers Vereinsorgans „daß er diesem durch die Lage der Dinge dringend veranlaßten zeitgemäßen Unternehmen volle Sympathie entgegenbringe." Seinem hellsehenden Geiste war es klar, daß die sogenannte Judenfrage zwar eigentlich eine deutsche Frage sei, daß aber die deutschen Juden selbst Alles dafür einsetzen müßten, daß diese Frage zum Heile des gesammten Vaterlandes ein rasche und segensreiche Lösung finde. Mit richtiger Empfindung hat der Geheime Regierungsrath Professor Or. Moritz Lazarus schon vor mehr als 15 Jahren den Standpunkt der deutschen Juden mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Indem wir für uns kämpfen, kämpfen wir zugleich für göttliches und menschliches Recht und für die Freiheit des