Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Schwere Zeiten
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 129 (sequence 3)
- Language
- German
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Schwere Zeiten. 129 das neue schädigen müffe. Er schrieb am 2. Januar 1880: „Christlicherseits spielt in diese Bewegung ein unchristlicher Raffenhaß hinein, welcher zum Himmel schreit, und da die Wuseln des Christenthums mit denen der alttestamentlichen Religion dieselben sind, das ekelhafte Verhalten eines Vogels darstellt, der sein eigenes Nest beschmutzt. Möge dieses unheilige Feuer bald verflackern und ersterben. Ich höre nicht auf, es mündlich und schriftlich zu verurtheilen." Aus gleichen Gründen stand Ignaz Döllinger der antisemitischen Bewegung mit offenkundiger Abneigung gegenüber. Wenn heute auch namhafte Theologen recht gut einsehen, daß solche Amtsbrüder, welche den Naffenantisemitismus bewußt oder unbewußt fördern, den Ast zersägen helfen, auf dem sie selbst sitzen, so hüllen sie sich doch in vornehmes Schweigen. Bei verschiedenen Anlässen haben hohe katholische Kirchenfürsten, wie Erzbischof von Stablewski, Fürstbischof Dr. Kopp, der Nuntius Galimberti u. A. das Schweigen gebrochen und echt menschenfreundliche Gesinnungen kundgegeben, denen man die vollste Hochachtung zollen muß. Bei einem Bankett in einer bischöflichen Residenz sagte der Nuntius Galimberti wörtlich zu Joseph Engel de Janoshaza: „Die katholische Kirche ist aus dem Judenthum hervorgegangen und besitzt viele gemeinsame Züge mit diesem. Jede positive Religion ist besser als der überhandnehmende Atheismus, der die gesellschaftliche Ordnung untergräbt. Darum müssen alle Konfessionen zusammenhalten und Zusammenwirken. In Uebereinstimmung mit den Intentionen des heiligen Vaters ist auch mein Bestreben auf dieses Ziel gerichtet. Versichern Sie Ihre Glaubensgenossen meiner aufrichtigsten Sympathie." Diese edlen Oberhirten haben es aber nicht verhindern können, daß der Pfarrer Deckert in Wien und die in den Redaktionen der polnischen Blätter Postep, Orendownik u. s. w. thätigen Geistlichen den Antisemitismus in jeder Weise fördern. Sie verhindern es nicht, daß einzelne Mitglieder des geringbesoldeten niederen Klerus das geistige Rüstzeug den Unzufriedenen liefern, welche beständig gegen die Besitzenden, zu denen man mit Unrecht alle Juden zählt, böswillig Hetzen. Noch viele, viele andere Mißstände beweisen, daß unsere Zeit wirklich aus den Fugen ist und daß es nicht leicht sein wird, sie wieder einznrichlen. Zu den seltsamsten Thatsachen der Jetztzeit