Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-02-01
- Page
- 107 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 107 immer Beziehungen zu konservativen Kreisen zu unterhaltm scheint, ist in dem sächsischen Landtage - zwischen derselben und der konservativen Partei daS Tischtuch bereits vollständig zerschnitten. Bei der Berathung der neuen sächsischen Wahlgesetzvorlage erklärte der konservative Abg, Justizrath Opitz, die Kluft zwischen der Reformpartei und der konservativen Partei sei so groß geworden, daß sie kaum zu überbrücken sei; die Reformpartei werde sich immer mehr mit den Auden und Sozialdemokraten verbrüdern. Ob dazu auf sozialdemokratischer Seite Neigung besteht, entzieht sich unserer Beurtheilung; die sächsischen Juden werden jedenfalls auf diese Verbrüderung ebensowenig Hoffnungen setzen, wie auf das Wohlwollen der von dem bekannten Judengegner Hofrath Mehnert geleiteten Kamrnermehrheit. Bezeichnend ist es jedenfalls für die Situation in Sachsen, daß jetzt die dort so viel verbreiteten „Dresdener Nachrichten" gegen die deutsch-soziale Reformpartei rücksichtslos zu Felde ziehen. Das Dresdener Blatt schreibt: „Zwischen Zimmermann und Genossen und Singer und Genossen besteht in der Hauptsache, nämlich in der Wirkung der beiderseitigen Agitationen, die hier wie dort auf die berufsmäßige Erregung der Unzufriedenheit und die Revolutionirung der Gesinnungen hinausläust, schon längst kein wesentlicher Unterschied mehr. Es ist nur noch als ein rein äußerliches Unterscheidungsmerkmal zu betrachten, daß die Singer'schen Demokraten ihre Versammlungen mit einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie einzuleiten und zu schließen pflegen, während die Zimmermann'schen Demokraten es noch für opportun halten, sich als Freunde der Monarchie aufzuspielen und Hochs auf Kaiser und König auszubringen, um auf diese Weise aus den Reihen der nationalgesinnten Vaterlandsfreunde Anhänger zu ködern." — Als kürzlich in der zweiten sächsischen Kammer über eine Petition, die Uebersetzung des Schulchan-Aruch auf Staatskosten betreffend, berathen wurde, spielte der konservative Hofrath Mehnert dieselbe Rolle wie Freiherr von Langen in der Reichstagskommission. Arm in Arm mit dem deutsch-sozialen Abg. Theuerkorn trat er für die Uebersetzung auf Staatskosten in die Schranken, aber seine Ausführungen, daß es nicht nur im Interesse der Christen, sondern auch in dem der Juden sei, daß über den Inhalt jenes BucheS Klarheit geschafft werde, leuchteten selbst nicht allen seinen Getreuen ein, da sein Vorschlag mit 4l gegen 29 Stimmen abgelehnt und der Ausschußantrag, die Petition auf sich beruhen zu lassen, angenommen wurde. Die österreichischen Antisemiten überzeugen sich nach und nach davon, daß das Ministerium Badeni sich durch keine Rüpelei