Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-02-01
- Page
- 103 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316614-2318181--00780-2318261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 108 darauf legen, nur Juden und nicht Deutsche zu sein, dann müssen sie sich gefallen lassen, nicht unfreundlich, aber als Gäste, als Fremdlinge betrachtet zu werden. Ein anderer antisemitischer Standpunkt ist der: gewisse üble Eigenschaften, die man besonders entwickelt bei den Juden annimmt, bekämpfen zu wollen. Da ist es doch erst zu entscheiden, ob es berechtigt ist, diese Uebel in unserem Volke, die allerdings zu bekämpfen seien (Wucher, Auswüchse der Spekulation und Anderes), den Juden zuzuschreiben. Müßte ich die Frage mit „Ja" oder „Nein" beantworten, so sage ich „Nein". Die Juden sind doch seit Hunderten von Jahren im Lande, sind da Fehler gemacht worden, so ist das nicht ihre Schuld. Man verlieh ihnen die Bürgerrechte und betrachtete sie doch nicht ganz als zu uns gehörig, und das rächt sich. Ich als Deutscher würde mich schämen, auch nur die Besorgniß zu äußern, daß 49 Millionen Deutsche sich von noch nicht einer Million Juden vergewaltigen lassen würden, oder deren etwaige schlechte Eigenschaften annähmen. Vor 25 Jahren wußte man nichts von Antisemitismus. Vor etwa 30 Jahren war dagegen die Abneigung zwischen den deutschen Stämmen so groß, daß es für einen preußischen Offizier fast unmöglich war, ein badisches oder sächsisches Edelfräulein zu heirathen. So veraltet uns das jetzt berührt, so unzeitgemäß wird uns auch einst die Abneigung gegen die Juden ersch einen." Im schroffsten Widerspruch mit dieser bedeutungsvollen Kundgebung eines selbst von seinen Gegnern hochgeachteten Edelmannes steht eine Aeußerung des Professors von Nathusius, der in seinem Werke „Die Mitarbeit der Kirche an der sozialen Frage" sich zwar wiederholt gegen den Antisemitismus wendet, trotzdem aber und zwar mit vollständiger Berechtigung von den Antisemiten als „ein unerwarteter Bundesgenosse" bezeichnet wird. Er sagt nämlich: „Es gilt in manchen Kreisen geradezu für ungebildet, von den Juden als besonderen Menschen und von einer Judenfrage überhaupt zu reden. Der Gegenstand wird als ein Tabu behandelt, mit dem schon sich nur geistig zu beschäftigen sittlich verwerflich sei." Dies hindert den Herrn Professor nicht, die Bedeutung der Judenfrage für die soziale Frage der Gegenwart zu erörtern und u. A. die Zersetzung des Mittelstandes ohne Weiteres den Juden zuzuschreiben. Die Ansicht, daß diese durch die ganz unberechtigten abergläubischen Verfolgungen des Mittelalters allmählich in ihre jetzige falsche Stellung selbst hineingetrieben seien, daß ihnen durch volle Theilnahme an dem Kulturleben der christlichen Stationen die Möglichkeit gegeben werden sollte, in denselben in ganz humaner Weise aufzugehen, bezeichnet Herr