Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-02-01
- Page
- 96 (sequence 2)
- Language
- German
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96 deutschen Reich. zu Tage dämmert schon eher die Erkenntniß auf, daß es ein Triumph der Wissenschaft ist, daß hygienische Maßregeln' zu Religionsvorschriften werden! Doch — sind es nur hygienische- Maßregeln? Sind sie nicht vielleicht auch Erziehungsmaßregeln, Mittel zur Charakterbildung? — Uns nun sind diese Vorschriften mehr noch, als das. Uns sind sie Gesetze unserer Religion! Ihnen zu gehorchen, ehrt und schändet nicht. Denn sie hindern uns nicht „mit Anderen zu Tische zu sitzen". Muß ich denn Alles mitessen, oder vom Tische fortbleiben? Sind die Vegetarianer nicht in derselben Lage, wie wir? Sind die Katholiken und Griechisch - Katholischen während der Fastenzeit nicht ganz, an jedem Samstage nicht theilweise am Miteffen gehindert? Tausende werden mit mir an Tischen Gleich- und Höhergestellter öfters gesessen haben und — mit einem klein wenig Takt von beiden Seiten — sind die Speisegesetze des Judenthums kein Hinderniß für den internationalsten Verkehr! Und das Schreiben am Sonnabend? Die Frankel, Graetz, Geiger, Joel, Munk sind recht respektable Gelehrte und Denker geworden — und haben nie am Sonnabend geschrieben! Wen geht es an; wenn wir uns die Arbeit erschweren, sobald wir nur die Arbeit vollbringen? Wo ist da ein Ausschließen? Und wenn ein Schüler oder Student besser erfaßt, was er hört, als was er nachschreibt? — Geht doch mit diesen Ausflüchten! — Ihr, unsere Vertheidiger aber, nehmt uns mit! Ruft denen da draußen zu, das sind unsere häuslichen Angelegenheiten, die machen wir unter uns ab. Ihr aber habt Euch da nicht einzumengen, so wenig, wie wir über Eure Intelligenz und Erträglichkeit aburtheilen nach den religiösen Ceremonien und Bräuchen, welche bei Euren Glaubensgenossen in Uebung sind! Jener Naturhistoriker im Auslande hatte mit Emphase betont, daß die Juden unvermögend sind, „ein Volk zu bilden".*) Ihm erwiderte *) Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß der Verfasser des Artikels »Miss. Antis." (Heft I, Jahrg. II) den Ausdruck „Volk" Israel durchaus nicht im politisch-nationalen Sinne verstanden wissen will. Mit diesem Ausdruck wie mit dem öfter wiederkehrenden „Volk des Herrn", „Volk des Ewigen", soll nicht eine gemeinschaftliche, selbst auch nur ideal gedachte Staatsangehörigkeit gemeint sein, sondern nur die Zusammengehörigkeit durch das Band des gemeinsamen Glaubens an den einig-einzigen Gott. Die Redaktion.