Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1896-02-01 · Heft 2 (Februar 1896) · p. 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 2 (Februar 1896)
Article
Wissenschaftlicher Antisemitismus
Date
1896-02-01
Page
97 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316611-2316614-2318179--00772-2318255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wissenschaftlicher Antisemitismus. S7 ich: „Wir haben einfach nicht den Wunsch, nicht die Absicht dazu. Wir sind eine ReligionS- und nicht mehr eine Volksgemeinschaft!" Und an einer anderen Stelle: „Nicht der Judenstamm, sondern die jüdische Religion widerstrebt hartnäckig der Vermischung!" Dar ist das zweite, das Viele in dem sonst so vortrefflichen Vortrage des Herrn Levinstein peinlich zu berühren geeignet ist. Er bezeichnet die Juden als „ein Volk". Prof. Paulsen mag es paffen, uns als Juden in Deutschland zu zeichnen. Wir aber sind jüdische Deutsche! Wir, die in der vorantisemitischen Zeit herangewachsen sind, haben es auch heute noch kaum begriffen, was man eigentlich will? Streichen wir die Religion aus unserem Wesen, dann bleibt allein und nur der Deutsche übrig! Die Lieder, mit denen wir cingewiegt, die Märchen, die im frühesten Kindesalter uns erzählt worden sind, die Schulen, die wir besucht, die Hoffnungen, die man in uns gepflanzt, die Liebe und die Abneigung, in denen wir groß gezogen worden sind — sie sind deutsch! Rur, daß der Andere Sonntags in die Kirche geht und wir Samstags zur Synagoge — das schied, schied nicht mehr, wie den Katholiken vom Protestanten die Verschiedenheit des Gotteshauses, so mancher Religionslehren und Bräuche! Darum ist es uns ein bedauerlicher Rückschritt, wenn auch von Juden so reinweg vom Volke der Juden gesprochen wird. Die Auflösung dieses Volksthums hat Jeremias schon angebahnt, als er den Exulanten die tröstliche Zusickerung gab, daß sie von Gott nicht weichen, wenn sie im Lande Babylon das Wohl der Stadt erstreben, Häuser bauen und den Boden bearbeiten! Darum ist nutz der Kampf gegen den Antisemitismus zugleich ein Kampf für unsere Religionsfreiheit und gegen unseren Ausschluß aus dem deutschen Volke! Wir sind und wollen nicht nur Bürger des deutschen Reiches, sondern Deutsche sein unbeschadet unseres Glaubens! Wir sind dabei Vorkämpfer der Trennung von Staat und Religion: Denn wir können nur erlangen, was wir erstreben, wenn der Staat weder christlich, noch katholisch, noch evangelisch ist — wenn der Staat jeden seiner Bürger schätzt, bewerthet und verwerthet nach seinem Charakter und seiner Befähigung und es Jedem überläßt, nach seiner Faoon selig zu werden! Freiburg i. B. A. Lewin. 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.