Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Berlin
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 57 (sequence 2)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 67 Es wäre aber ein wesentlicher Jrrthum, nun anzunehmen, daß dies die Gesammtzahl der in Berlin lebenden jüdischen Handwerker sei, deren Zahl eine ungleich größere ist und sich erst durch die nächste Berufsstatistik feststellen lassen dürfte. Diejenigen 327 Handwerker, welche in dem Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde figuriren, stellen nur die Gemeindesteuern bezahlenden Wohlhabenderen dar, während es in Berlin weit mehr jüdische Handwerker giebt, die entweder, obgleich sie selbstständig sind, in Folge ihrer Mittellosigkeit in jener Liste nicht mit aufgeführt sind, oder als Gehülsen und Lehrlinge nicht in dieser Liste zu verzeichnen waren. — In der letzten Dezember-Woche ist ein deutsch-israelitischer Lehrerbund begründet morden. Zum Vorsitzenden wurde Herr Rektor Dr. Adler-Berlin, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Lehrer Blumenfeld-Adelebsen gewählt.. — Aus der am 18. d. M. in der Lindenstraßen-Synagoge gehaltenen Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum citirt die „Tägl. Rundschau" folgende Sätze: „Wir wissen endlich auch, daß zu den politischen und wirthschaftlichen Kämpfen der häßlichste von allen, der religiöse Kampf sich gesellt, der die Volksseele vergiftet und ihre hehrsten Ideale vernichtet. Wir wissen das Alles, aber mir lassen uns durch diese Schatten die Freude an dem Gesammtbilde des Reiches dennoch nicht trüben, denn diese Schatten sind natürlich und vergänglich wie Wolken, die, aus der Niederung aufgestiegew oder durch widrige Stürme herbeigetrieben, die Sonne eine Weile verhüllen, ohne ihren schließlichen Durchbruch zu verhindern. In einem so großen Gemeinwesen zumal, wie es das Deutsche Reich durch die Einigung seiner Stämme geworden ist, treten die widerstreitenden Interessen weit gewaltsamer und weit augenfälliger zu Tage und es dauert naturgemäß länger, bis sie ausgeglichen und in jene Schranken gewiesen sind, welche die Wohlfahrt der Gesammtheit erfordert. Aber es kommt die Zeit, wo diese Kämpfe überwunden sind, und dämm ziemt es sich nicht, an einem Tage wie dem heutigen, der uns die Einheit des deutschen Volkes gebracht hat, der Schwächen und Mängel zu gedenken, die unserem Gemeinwesen anhaften. Wer diese Einheit und ihre großen Ziele im Auge hat, der darf sich auch von ihren anfänglichen Auswüchsen nicht beirren lassen. Die gesteigerte Macht der Oeffentlichkeit wird sie beschneiden und die edle Grundkraft, welche die Einheit geschaffen, wird immer allgemeiner in die Erscheinung treten und durch die Hebung der Gerechtigkeit Dauer und Bestand verbürgen für die Ewigkeit. Uns Juden besonders würde ein anderes Verhalten überaus schlecht anstehen, obgleich wir noch immer Stiefkinder des Reiches sind, denn wir haben warten gelernt, wir sind ja nicht von gestern und heute, wir haben die traurigsten Zeiten