Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 18 (sequence 18)
- Language
- German
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18 Im deutschen Reich. Glauben oder Stand der Strom ihrer Wohlthätigkeit sich nach allen Richtungen hin ergießt. Und es ist nicht allein das erworbene Kapital, das sie hingeben. Es giebt wenige unter den bester situirten jüdischen Familien, in denen nicht eines der männlichen oder weiblichen Mitglieder sich in den Dienst der Wohlthätigkeit stellt. Wenn Profeffor Paulsen oder andere oberflächliche Kritiker des Judenthums sich der Mühe unterziehen würden, die ungemein zahlreichen Stiftungen jüdischer Bürger durchzulesen oder durch die vielen Kranken- und Armenhäuser, durch die Waiseu- und Erziehungsanstalten zu gehen, wo so unendlich viel des Guten gethan wird, so würden sie vielleicht milder über ein Volk urtheilen, das wie kein anderes besten eingedenk ist, daß es das Leid der Menschheit in seiner Geschichte, in seinem Herzen trägt. Ich habe zum Schluß nur noch einige Bemerkungen über die bereits angeführten Worte Renan's zu machen. Mein Blick schweift in die Vergangenheit, in der Gegenwart weilen die Gedanken und fragen, ob denn wirklich die Mission des Volkes erfüllt, ob Israel gleich dem morschen Stamm geworden sei. Bin ich selbst in der Täuschung befangen und sehe ich nicht, wie es Spätherbst geworden, wie die Blätter und die Aeste abgefallen sind von dem Baume, den der Ewige gepflanzt? Und wird auch der Baum nun vergehen und verdorren, wird das ewige Leiden und Dulden des Volkes ein Ende nehmen? Oder wird es noch einmal Frühling werden, und mit schönerem und reicherem Laube der Baum sich schmücken und die Zweige, die die Thränen meines Volkes getränkt haben? Keiner hätte mir darüber bessere Antwort geben können als Renan; keiner hat sich mehr versenkt in die vorchristliche Geschichte der Juden, und die Liebenswürdigkeit des Erzählers gleicht dem kritischen Geiste, der beinahe aus jeder Zeile seines Werkes spricht. Aber sein Blick trifft nur das Reich David's; er begleitet die Geschicke Judas nur bis zu Zions stürzendem Altar; aus seinen Trümmern sieht er das Evangelium der Liebe hervorsteigen, und das Volk des Herrn sinkt und verschwindet. — Aber es sinkt nicht und verschwindet nicht. 2000 Jahre sind beinahe verfloffen, da im Sommer des Jahres 70 Jerusalem und der Tempel auf der Höhe Morijas dem Erdboden gleich gemacht wurden. Von jenem Tage an bis