Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 15 (sequence 15)
- Language
- German
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wissenschaftlicher Antisemitismus. 15 Söhne Israel. Und dafür hat es geduldet und mußte es dulden. Aber abstrahiren wir von dieser Vergangenheit; wir haben es vorläufig mit der Gegenwart zu thun. Hat das Judenthum, wie Renan am Schluß seiner Geschichte des Volkes Israel behauptet, seine Aufgabe erfüllt, und ist es wirklich nur ein ausgetrockneter Stamm, aus dessen Seite zwar der einzig fruchtbare Zweig des Christenthums noch hervorsprießt, der aber selbst im Sturme der Zeit bald sein Ende finden wird? Oder ist es, wie Professor Paulsen denkt, eine Art Uebel, das man eben nicht vernichten kann, das man ertragen und, wo es nöthig ist, eindämmen muß? Oder ist cs, wie die Antisemiten stch auszudrücken belieben, eine Giftpflanze, die ausgerottet werden kann und muß, damit sie die gesunde Wurzel des Christenthums nicht anstecke und vernichte? Es ist eine ebenso unbestreitbare wie charakteristische Thatsache, daß der Einfluß der Juden in direktem Verhältniß zur geistigen Kultur und dem materiellen Wohlbefinden der Völker, unter denen sie wohnen, steht. Wo, wie in Rußland, dieser Einfluß nicht existirt, wo die große Masse der Juden, kaum geduldet, in steter Angst und Besorgniß ihr trauriges Dasein hinbriugt, finden wir, daß die Kultur, daß das Wohlbefinden und der moralische Zustand auch der christlichen Einwohner auf niedriger Stufe stehen. Politisch unreif und in eisernen Ketten gehalten, nimmt die russische Nation unter den Kulturvölkern Europas, wenn sie zu diesen überhaupt gerechnet werden kann, den untersten Rang ein. Auch auf der Valkanhalbinsel einerseits und den südwestlichen Ländern unseres Erdthcils, Spanien und Portugal, andrerseits herrschen unbegreiflicher Weise trotz der beinahe gänzlichen Abwesenheit der Kinder Sems doch nicht jene glücklichen, idyllischen Zustänve, die nach den Lehren der Antisemiten unter so glücklichen Auspicien unbedingt hätten eintreten sollen. Obgleich durch die Natur in außerordentlicher Weise gesegnet, trotz der denkbar günstigsten Lage kommen beide Länder nicht zum Wohlstand; die geistige Entwicklung schreitet mühsam und langsam vorwärts. Einflußlos im Rathe der Staaten, liegen sie wie abgesondert, keinen Antheil nehmend und nicht eingreifend in die großen, geistigen Bewegungen der Menschheit. Der Boden Portugals gehört nicht dem Volke, sondern nur wenigen übermäßig reichen Adligen, und Spanien mag in dem längst ver-