Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Im deutschen Reich. als sie seine Bekenner wieder zusammenbringt und das locker ge» wordene Band der Gemeinschaft wieder fester knüpft. Schon schienen die Juden sich unter den Völkern zu verlieren; der lieber» tritt zum Christenthum, die Mischehen nahmen mehr und mehr zu, da erging auf deutschem Boden aus dem Munde eines Verkünders des Evangeliums der altgewohnte mittelalterliche Hetzruf und zeigte den Nachkommen der Patriarchen, wie wenig sie von jener nur zu ostentativ auftretenden Liebe zu erwarten hatten, die das ausschließliche Monopol einer Religion sein soll. Der Antisemitismus ist der Tugendwächter Israels! Eine ganze Reihe von Zeitungen, Tausende von Männern haben sich die erhabene Aufgabe gestellt, die Vergehungen und Ueberschreitungen der Söhne Judas aufzustöbern und zu geißeln. Daß dieses nicht mit den Augen christlicher Liebe, sondern blinden Hasses geschieht, ist gewiß zu bedauern. Daß auch nur zu oft an dem einen Tage Angaben gemacht werden, die am folgenden widerrufen werden müffen, ist bekannt genug. Aber trotzdem fühlt der einzelne Jude mehr und mehr die Verantwortung seines Handelns; er weiß, daß er selbst den Schein meiden muß, um seinem erbitterten Gegner keinen Anlaß zur Anklage zu geben. Das Judenthum mag vielleicht in dieser Hinsicht jenem schändlichen Denunziantensystem zu Dank verpflichtet sein. Aber für das Volk, das unter seinem Einflüsse steht, ist der Antisemitismus in jeder Hinsicht ein Uebel. Er kann, wie Professor Paulsen richtig bemerkt, die Juden nicht aus dem Lande treiben. Aber er kann bewirken und hat bewirkt, daß die Juden beinahe von allen Anstellungen, Aemtern und Ehrenstellen, die in den Händen des Staates liegen, ausgeschlossen sind, er hat den Staat zur thatsächlichen Verletzung der gesetzlichen Gleichberechtigung veranlaßt. Er hat durchgesetzt, daß die Juden beinahe isolirt in der Mitte ihrer christlichen Mitbürger leben; er hat zerstörend auf die soziale Ordnung, in der die Gleichheit und Integrität der Individuen die ersten Bedingungen sind, eingewirkt. Er hat vergiftend das Gemüth der Jugend beeinflußt, die, auf ihre Mitschüler und Mitmenschen herabsetzend, schon von ihrer Kindheit an mit Vorurtheilen und Gefühlen des Hasses aufwächst. Der Antisemitismus ist der Feind jeder wahren Religion und Menschenliebe;