Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 11 (sequence 11)
- Language
- German
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wissenschaftlicher Antisemitismus. 11 nicht auch nur deshalb, weil er die Gerechtigkeit verletzt, er ist es auch deshalb, weil er seiner Natur nach zersetzend wirkt und, weit über sein Ziel hinausschießend, die Hand verwundet, die die Pfeile sendet. Nicht die Juden sind es, die unter seinem Einfluß am meisten zu leiden haben; für dieselben ist der Antisemitismus kein ungemischtes Uebel. Es ist wahr, daß sie unter diesem viel uno schwer dulden müssen, daß die Zugehörigkeit zum Glauben ihrer Väter von Vielen als ein schweres Schicksal angesehen wird. Von frühester Jugend an werden ihnen die Quellen des Lebens vergiftet. Auf den niederen Schulen, auf den Gymnasien, auf den Universitäten wird ihnen von der weit überwiegenden Mehrzahl ihrer Mitschüler zu verstehen gegeben, daß sie nur geduldet sind, und die Sehnsucht nach Mittheilung, nach Freundschaft, die das kindliche Herz in seinen Tiefen erfüllt, wird oft spöttisch zurückgewiesen. Wenn ihre Mitschüler Vereine, Klubs oder Kränzchen bilden, werden sie nicht ausgenommen, nicht deshalb etwa, weil sie unleidlich sind oder irgend welche Fehler haben, nein, weil jene von Hause das Gift des Haffes und der Ueberhebung mit nach der Schule bringen. Welch' bittere Gefühle durch die jugendliche Seele ziehen, wie schwer die unverdiente Zurücksetzung empfunden wird, wie der Kindheit höchster Reiz, die Unbefangenheit, erstickt und verbannt wird aus dem Kreise der jetzigen jüdischen Jugend, das prägt sich heute nur zu oft in den Gesichtern, in dem Gemüthszustande der Kinder des Volkes Israel aus. Und wenn sie dann, vielfach unter Entbehrungeu und nach harter Arbeit, das Gymnasium verlassen und das akademische Studium vollendet haben, dann finden sie, daß sie auch Stiefkinder des Staates sind, dem sie angehören, des Staates, der jedes Opfer von ihnen verlangt, aber ihnen die Rechte verweigert, die die Verfassung verbürgt, die das moralische Gesetz fordert. Die akademische Laufbahn ist ihnen in Wirklichkeit fast gänzlich verschlossen; die Regierung hält sie von allen höheren Zivil¬ und Militärstellungen fern und unter den Tausmden, die Staatspensionen erhalten, wird kaum ein Jude sein. Aber, wie in den Tagen des moabitischen Sehers, gestaltet der Fluch, den der Feind beabsichtigt, sich zum Segen für Israel. Die antisemitische Strömung nützt dem Judenthum insofern.