Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 deutschen Reich. zu nehmen, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen. Denn nicht allein, daß dieselben, wie ich darthun werde, beinahe nach allen Seiten hin unbegründet und unrichtig sind, es geht auch aus den vielen unzutreffenden Bemerkungen hervor, daß der Verfaffer jeder Fühlung mit dem israelitischen Volke entbehrt. Es wäre unter diesen Umständen entschieden richtiger gewesen, wenn er seinen traurigen Vorurtheilen in irgend einem Antisemitenblatte Ausdruck gegeben und sie nicht unter der Maske der Unparteilichkeit und Objektivität seiner Ethik einverleibt hätte. Die Juden fordern weder Nachsicht noch Liebe; sie haben dieselbe nie genoffen, ausgenommen vielleicht zur Zeit, da man, um ihre himmlische Seele der ewigen Verdammniß zu entreißen, den irdischen Körper der Folter und dem Scheiterhaufen übergab, oder da man, wie unter Wilhelm dem Eroberer, ihre steuerfrei gewordenen Apostaten zwang, zur Erhöhung der Staatseinnahmen und ad majorem dei gloriam wieder zu ihrem alten Glauben überzutreten. Eingedenk der hohen Mission, die ihnen geworden, eingedenk der Dienste, die sie der Menschheit geleistet, eingedenk der ewigen Leiden, die sie erduldet, trösten sie sich in dem Bewußtsein, daß von Sokrates' Zeiten herab bis auf unseren Tag die Gunst der Völker den sd)lechtesten Maßstab wirklicher Verdienste bildet. Was die Juden verlangen, ist Gered)tigkeit, und die Prinzipien derselben verletzt nicht allein der Antisemitismus, sondern auä) jeder Staat, der auf dem Wege der Verwaltung die Rechte, welche die Verfaffung gewährt, verkürzt und aufhebt. Und wenn es wahr ist, daß im Leben der Völker, wie im Leben der Individuen die Grundsätze der Gerechtigkeit sich nie ungestraft verletzen lassen, so werden sich die Folgen des blinden Haffes und der kurzsichtigen Politik auch hier im Laufe der Zeiten fühlbar machen. Nicht deshalb, wie Professor Paulsen sagt, ist der Antisemitismus heillos, weil er ziellos ist, nein deshalb, weil er, seiner Natur und seinem Namen nach demagogisch, gegen die Grundlage aller Ethik und die Bedingungen alles Gemeindelebens, gegen die Achtung vor den moralischen und Staatsgesetzen frevelt. Es klingt so wenig schön, so wenig menschlich, wenn der Verfaffer bemerkt, daß, da es unmöglich wäre, die Juden aus dem Lande zu treiben.