Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Wissenschaftlicher Antisemitismus
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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wissenschaftlicher Antisemitismus. 3 in das andere Lager hinüberzutragen und zu ftagen, ob der Stifter der christlichen Religion, nachdem seine Lehre 2000 .Jahre die Welt beherrscht, mit Billigung auf die entsetzlichen Zustände schauen könnte, die nach innen und außen heute in der sogenannten zivilistrten Welt herrschen. Volk steht gegen Volk, Raffe gegen Raffe, Klasse gegen Klaffe, Glaube gegen Glaube in erbitterter Fehde. Zum Kampfe bereit erwarten Millionen denkender, nach dem Bilde der Gottheit geschaffener Wesen den Augenblick, wo sie bei dem Klange dann vielleicht wieder neu entstandener Lieder sich gegenseitig zerfleischen und zerstückeln können. Wir Juden brauchen keinen Vergleich zu scheuen. Unser Gott lebt nicht in dem Nebel des Mysticismus, sondern in den Höhen reiner Erkenntniß. Wir brauchen kein neues Evangelium der Liebe, nicht diese ewigen Hinweisungen auf das himmlische Reich; die Erde ist das Reich, das uns der Himmel gegeben, mit ihr haben wir es zu thun. „Löse die Fesseln der Unterdrückung, brich mit dem Hungrigen Dein Brod, kleide den Nackten und entziehe Dich Deinem Fleische nicht," so ruft der Prophet Israel zu; mehr brauchen wir nicht. — Sicher, wir verneinen deshalb nicht die Unsterblichkeit unserer Existenz. Befolgen wir jene eben berührten Vorschriften, führen wir ein pflichtgetreues, thätiges und aufopferndes Leben, dann wird die Ahnung der Gottheit und Seligkeit am Abend des Daseins unser Inneres durchziehen und es wird Tag werden, bevor noch der Genius des Lebens die Fackel senkt. Aber wenn wir in diesem Bewußtsein die Angriffe der ungebildeten Maffe vielleicht übersehen können, wir dürfen nicht schweigen, wenn die hervorragenden Geister des größten Kulturvolkes ihre Pfeile gegen uns schleudern. Es sind wohl nicht Juden allein, die mit Gefühlen der Befremdung und des Mißmuths die Bemerkungen gelesen haben, welche Profeffor Paulsen in seiner Ethik über die Nachkommen der Patriarchen sich zu machen veranlaßt gesehen hat. Ich appellire an das Gerechtigkeitsgefühl eines jeden vorurtheilsfreien Menschen und frage, wie es möglich ist, daß ein Mann von so großer Klarheit im Denken und so vielseitigem Wissen es über sich gewinnen konnte, Schmähungen gegen ein ganzes Volk zu schleudern, ohne sich auch nur die geringste Mühe i'