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Im deutschen Reich · 1896-01-01 · Heft 1 (Januar 1896) · p. 2

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 1 (Januar 1896)
Article
Wissenschaftlicher Antisemitismus
Date
1896-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 deutschen Reich. wenn es den Christen nicht gelungen wäre, das Szepter des römischen Reiches, die weltliche Macht an sich zu reißen, diese Verfolgungen von Geschlecht zu Geschlecht ihren ferneren Verlauf genommen hätten. Und doch haben die Juden gefehlt und in zweierlei Hinsicht gefehlt. Aber während dem einen Fehler die Schwäche der menschlichen Natur zur Entschuldigung dienen mag, ist der zweite kaum zu vertheidigen. Den Juden war die höchste und schwierigste Aufgabe gestellt, die im Laufe der Zeiten je einem Volke zu Theil ward. Dem unsichtbaren Gotte zu dienen, dem Gotte, den die Sinne nicht erfaßen konnten, der jedes Abbild verbot, der von den Höhen des Sinai mit der Offenbarung seines Seins, seiner Ewigkeit menschliche Freiheit und Verantwortung verkündet, diesem Gotte das Leben zu weihen, das war die unendlich schwere Aufgabe, die dem gottbegnadeten Volke gestellt war. Und gegen diese haben sie oft und schwer gefehlt. Aber die Völker der Erde hätten mit mehr Sympathie auf jene schweren inneren und äußeren Kämpfe schauen sollen, die Israel für sich und sie gekämpft hat und noch heute kämpft. Denn die Geschichte dieses Volkes ist die religiöse Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Sie endet nicht mit Moses, nicht mit den Propheten, nicht mit dem Stifter der christlichen Religion. Israel ist und bleibt noch heute wie in den Tagen der Vorzeit durch seine Tradition, seine Geschichte, durch die eigenthümlichen Anlagen seines Gemüthes und seines Geistes der berufene Verkündiger des transscendenten Prinzips, der Träger der höchsten Idee. Hierin liegt allein und kann allein der Grund seiner nockheutigen Existenz liegen. Aber einen anderen, kaum entschuldbaren Fehler hat das Volk begangen: Man darf nicht immer Amboß, man muß auch Hammer sein. Seit Jahrtausenden haben die Juden ruhig Vorwürfe jeder Art über sich ergehen laßen. Man hat ihre Religion verspottet, ihre Eigenthümlichkeiten, ihre Gebräuche mit Hohn überschüttet, unerbittlich ihre Schwächen an das Tageslicht gezogen und ihnen Verbrechen, bei denen die Seele schaudert, zur Last gelegt. Wohl war ihnen bis vor einem Jahrhundert die Möglichkeit der Erwiderung versagt, aber seit dieser Zeit hinderte sie nichts, nicht allein mit der ganzen Macht bewußter Schuldlosigkeit jene schmachvollen Vorwürfe zurückzuweisen, sondern auch den Kampf

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