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Im deutschen Reich · 1895-12-01 · Heft 6 (Dezember 1895) · p. 306

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 6 (Dezember 1895)
Article
Umschau
Date
1895-12-01
Page
306 (sequence 11)
Language
German
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306 Im deutschen Reich. wenn nicht überall, oben und unten, in den höchsten und niederen Kreisen, die Sünde wieder als das empfunden wird, was sie ist: als etwas Entehrendes." Wenn die antisemitische „Tägl. Rundschau" dazu bemerkt, der Untergang eines jüdischen Wüstlings gebe zu Weherufen über die Sittlichkeit des deutschen Volkes keinen Anlaß und wenn andere antisemitische Blätter gerade diesen traurigen Fall für ihr Hetzwerk ausbeuten zu können glauben, so sei hier nur daran erinnert, daß der Student von Zedlitz, der eine Prostituirte erschoß, der Abgeordnete Leuß, welcher die Frau seines intimsten Freundes verführte und zum Meineid verleitete und der Freiherr von Hammerstein, welcher sich von seiner Maitresse Flora Gaß Kissen sticken ließ, um sich als Günstling deutscher Frauen aufzuspielen, und ungezählte andere, den Antisemiten nahestehende Lüstlinge zu solchen Weck- und Weherufen mindestens ebensoviel Anlaß gegeben haben, als das Opfer jener Dirne, dessen Schicksal hoffentlich manchem noch unverdorbenen Jüngling vor Damenbekanntschaften in Nachtcafös warnen wird! Während bisher der Grundsatz galt, das; nur Männer sich mit Politik zu befassen haben und die deutschen Vereinsgesetze deshalb die Theilnahme von Frauen an politischen Versammlungen ausdrücklich untersagen, haben die Wiener Antisemitenführer alle Hebe! in Bewegung gesetzt, um die Frauen in das politische Getriebe hineinzuziehen. Wenn auch die Ausschreitungen Wiener Frauen auf offener Gasse nicht so schlimmer Art gewesen sein sollen, wie sie zuerst von einzelnen Blättern dargestellt wurden, so sind doch durch Die zahlreichen, in Wien veranstalteten antisemitischen Frauenversammlungen bereits verhängnißvolle Schritte auf einer schlimmen Bahn gethan worden, über deren Ausgang selbst Männer wie Lueger, Schneider und Gaßmann im Jrrthum zu sein scheinen. Wie sehr bereits in Wien die Leidenschaften durch diese Männer und ihren Anhang aufgestachelt sind, zeigt sich auch bei dem Verhalten der Jugend. Als kürzlich der Rektor der dortigen technischen Hochschule, Professor Kick, bei einem Kommers im Namen des ganzen Lehrkörpers erklärte, daß dieser mit der judengegnerischen Haltung des einen Theils der Studentenschaft nicht einverstanden sei, rief dies flammende Proteste hervor. Die regierungsfeindliche Bedeutung der Wiener Bewegung erhellt am deutlichsten daraus^ daß sich Dr. Lueger und seine Gesinnungsgenossen im österreichischen Abgeorduetenhause auf das Schärfste gegen den österreichischungarischen Ausgleich wenden und die Verhandlungen über denselben zu stören suchen. Als der liberale Abgeordnete Dr. Sueß darauf für den Ausgleich eintrat, wagte Lueger dazwischen zu rufen, die ungarische Regierung gehöre in's Kriminal; die Liberalen würden sich von den Ungarn auch Stockschläge geben lassen. Selbst den stets oppositionellen Jungczechen ist diese Kampfesart antipathisch; ihr Wortführer Dr. Kaizl sagte:

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