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Im deutschen Reich · 1895-12-01 · Heft 6 (Dezember 1895) · p. 307

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 6 (Dezember 1895)
Article
Umschau
Date
1895-12-01
Page
307 (sequence 12)
Language
German
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Umschau. 307 sie würden sich zwar nicht von dem Ministerpräsidenten Badeni führen lasten, aber ebensowenig Lueger auf dem Wege der Judenbekämpfung folgen. Wie von antisemitischer Seite berichtet wird, sollen die Neuwahlen für die Wiener Gemeindevertretung baldigst ausgeschrieben werden und noch vor Ablauf des Monats Februar beendet sein. Selbst die Judengegner hatten sich nach erfolgter Auflösung auf eine lange Zwischenregierung gefaßt gemacht, da die österreichische Regierung, wollte sie den Ausfall der Wahlen in ihrem Sinne beeinflussen, Zeit gewinnen mußte. Die plötzliche Sinnesänderung ist, wie der Wiener Berichterstatter der „Tägl. Rundschau" schreibt, keineswegs auf eine geänderte Haltung der Regierung den Antisemiten gegenüber zurückzuführen, sondern hat ihren Grund in der Haltlosigkeit des gegenwärtigen Zustandes. — Mit halben Maßregeln wird hierbei allerdings nichts geschafft. Graf Badeni muß entweder den „Abgott der Wienerinnen", Dr. Lueger, eine Zeit lang das Ruder führen und sich rasch abwirthschaften lassen, oder er muß an Stelle des Bezirkshauptmanns v. Friebeis den Wienern ein Oberhaupt geben, welches Haare auf den Zähnen hat. Sowohl der. österreichische als auch der deutsche Antisemitismus sind der Ausdruck der Unzufriedenheit mit wirthschaftlichen Mißständen, welche den Juden mit Unrecht zur Last gelegt werden. Darauf beschränkt sich aber auch die ganze Aehnlichkeit, denn während Lueger und Consorten wenigstens zur Kirche halten und von der feudal-klerikalen Partei Unterstützungen empfangen, sind die meisten deutschen Antisemiten darin konsequent, daß sie sich in religiöser Beziehung von Allem abwenden, was noch so lose mit dem „semitischen Gottes begriff" zusammenhängt und in sozialer und politischer Beziehung sich mehr oder minder offen dazu bekennen, den Kampf „gegen Junker und Juden" zu führen. Daß dies ihre ernstliche Absicht ist, haben ihre öffentlichen Betrachtungen über die Vorgänge bei den Wahlen in den Kreisen Pleß-Rybnik und Halle-Herford deutlich genug bewiesen. Wie heute deutsche Antisemiten über das Christenthum zu sprechen wagen, das beweist die von O. Räuber Unterzeichnete Weihnachtsbetrachtung des „Deutschen Volks-Rechts", in der gesagt wird: „Wir brauchen nicht zu glauben, daß vor nunmehr fast 2000 Jahren erst Jemand das Heil der Welt aus. Galiläa bringen mußte, um die Geschicke der Menschheit in's richtige Geleise zu bringen, nein, ein deutsches Selbstbewußtsein muß uns erfüllen u. s. w." Was bei den meisten deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens längst als Ueberzeugung feststand, das beginnt jetzt auch vielen ihrer christlichen Mitbürger klar zu werden, welche noch vor Kurzem wähnten, die von unvorsichtigen Politikern weit unterschätzte Strömung richte sich nur gegen die Juden: Antisemitismus ist nicht nur verkappter Anarchismus, sondern Rückfall in das kulturfeindliche Heidenthum! A. L.

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