Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 304 (sequence 9)
- Language
- German
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304 Im deutschen Reich. Halle a. S., Hamburg, Hannover, Leipzig, Mainz und Wiesbaden verausgabt wurden, haben wohl keinem einzigen christlichen Geschäftsinhaber wesentlich genützt, wohl aber viele der letzteren geschädigt und gekränkt. In Frankfurt a. M. hab^r zahlreiche Firmen gegen die wider ihren Willen erfolgte Aufnahme in diese Adreßbücher entschieden protestirt. In Mainz haben christliche Geschäftsinhaber gegen den Redakteur des Buches, Eugen Ledig, gerichtliche Schritte eingeleitet, um sich Genugthuung zu verschaffen. Noch widerwärtiger als diese Gattung des unlauteren Wettbewerbs ist ein großer Theil der antisemitischen Flugblätter, welche vor dem Weihnachtsfest verbreitet worden sind und deren Inhalt in vielen antisemitischen Blättern vor dem Fest fast täglich abgedruckt war. Kein Schacher und Wucher ist so nichtswürdig, als das Schachern und Wuchern mit der Religion, keine Reklame niedriger und widerwärtiger, als das Brüsten einzelner Geschäftsinhaber mit Abstammung und Bekenntniß! Ist schon der in den erwähnten Flugblättern getriebene Mißbrauch der Religion zu geschäftlichen Zwecken abstoßend genug, so wird der Widerwille noch gesteigert, wenn alljährlich in den antisemitischen Weihnachtsflugblättern die elende Blasphemie wiederholt wird, welche nach der Behauptung der Antisemiten in dem amerikanischen Blatt „Deborah" veröffentlicht worden sein soll, während der Redakteur dieses Blattes, Rabbiner Dr. Wise, längst bewiesen hat, daß niemals in seinem Blatte Aehnliches stand. Trotzdem wird diese Lüge alljährlich wiederholt und eine andere auf das Weihnachtsfest bezügliche unpassende Auslassung eines christlichen Redakteurs den „Judenblättern" zugeschrieben — Alles, nur um das „Kauft nicht bei Juden!", den schmählichen „Boykott", predigen zu können. Selbstverständlich wirkt dies nur bei Denen, die bekanntlich nie alle werden; die Gewitzteren, in erster Reihe die Angehörigen der Hetzer, kümmern sich wenig um Glauben und Abstammung der Verkäufer, sondern kaufen dort, wo. sie ehrlich, preiswürdig und höflich bedient werden. Die leistungsfähigen christlichen Geschäftsinhaber mißbilligen in erster Reihe das Treiben der ihnen sich aufdrängenden Gönner; sie wissen es recht gut, daß das Gcschäftsleben nur dort blühen kann, wo alle Bürger gesellschaftlich und geschäftlich friedlich und einträchtig mit einander verkehren! Leider giebt es aber einzelne jüdische Kaufleute, welche die Presse, welche nicht nur den geschilderten Boykott täglich empfiehlt, sondern auch unablässig den jüdischen Glauben und die jüdische Abstammung zu Zielpunkten der ärgsten Beschimpfungen macht, durch Inserate und Abonnements unterstützen. Daß die eingefleischten Antisemiten den Juden, welche in solchen Blättern annonciren, trotzdem nichts abkaufen, daß also die Charakterlosigkeit nebenbei auch noch „eine Dummheit" ist, haben die Redakteure der „Staatsbürger-Zeitung" im Kreise ihrer Gesinnungs-