Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 302 (sequence 7)
- Language
- German
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302 Im deutschen Reich. gründetes Urlaubsgesuch wurde unter schallender Heiterkeit des ganzen Hauses angenommen, welches voraussichtlich seinen Wiedereintritt mit gleicher Luftigkeit begrüßen wird. An eine ähnliche gefallene antisemitische Größe erinnerte vor Kurzem ein Bittgesuch der Redaktionen des „General- Anzeigers" und des „20. Jahrhunderts" für die bedauernswerthen Angehörigen des antisemitischen Agitators Schwennhagen, welcher als wohlverdiente Strafe für die Verleumdung des Ministers Miquel, nachdem er schon längere Haft in Wien erduldet, noch 6 Monate Gefängniß in Ratibor abzubüßen hat. Obgleich das Verleumden der Minister eine „antisemitische Spezialität" ist, lassen die Judengegner keinen Ministerwechsel vorübergehen, ohne als die Urheber desselben die jetzt zu solcher Wirksamkeit wahrlich wenig fähigen und wohl auch geringe Neigung verspürenden Juden zu bezeichnen. Als in den ersten Dezembertagen die Kunde sich verbreitete, der Minister von Koller habe um seine Entlassung nachgesucht, beeilte sich die „Deutsche Tageszeitung" zu erklären: „Man würde im großen Publikum einen Rücktritt des Herrn v. Köller im Allgemeinen als Erfolg der mit dem Großjudenthum verbündeten höfischen Kreise auffassen." Ohne allen ersichtlichen Grund schrieb nach Beendigung der Ministerkrisis . die antisemitische „Hann. Post": „Der neue Minister des Innern, Freiherr von der Recke, wird von Mittelparteilern, Juden und Judengenossen als ihr Mann in Anspruch genommen. Das ist so die Art dieser Leute; es scheint uns verfrüht, ihn schon jetzt als im Gegensätze zu antisemitischen und konservativen Gesinnungen hinzuftetlen." Noch mehr ersinderischen Geist zeigte der „Deutsche General-Anzeiger", als er unter einem boshaften Hinweis auf die Privatdozenten-Angelegenheit schrieb: „Nachdem die jüdische Clique durch ihre bis an den Hof reichenden Verbindungen den Minister v. Köller zu Fall gebracht hat, hat sie sofort ihre Minirarbeit gegen den Kultusminister Dr. Bosse ausgenommen." Wie wenig das Judenthum mit der besonderen Rechtsstellung derUniversitäten zu thun hat, beweisen die Flamen der 53 Professoren, welche Protest gegen das den Minister rechtfertigende Gutachten des Professors Hinschius Unterzeichneten. Bei der weitaus größten Mehrheit dieser Professoren ist bisher von einer besonderen Vorliebe für das Judenthum nichts zu spüren gewesen. Kurz vor dem Rücktritt des Ministers von Köller war übrigens in Berlin das Gerücht verbreitet, daß eine Massenausweisung galizischer und russischer Juden nahe bevorstehe. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe erklärte auf die Anfrage eines liberalen Abgeordneten, daß dieses Gerücht jeder Begründung entbehre. Die deutsch-soziale Reformpartei hat allerdings im deutschen Reichstage folgenden Gesetzentwurf eingebracht: