Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 299 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 290 zu bedauern, daß ein solcher Erlaß nicht bereits vor 17 Jahren erging, zu einer Zeit, wo die antisemitische Gegnerschaft gegen die Grundlagen aller monotheistischen Religionen noch nicht so unverhüllt wie beute zur Schau getragen und noch nicht so offen jenes Heidenthum gepriesen wurde, welches einst Bonifacius und Karl der Große auszurotten bemüht waren. Daß der aus der Stöcker'schen Schule hervorgegangene Herr Pfarrer Naumann weit richtiger als andere Christlich-Soziale die unchristliche Bedeutung des Antisemitismus erkannt hat, bewies eine von ihm in Frankfurt a. M. am 27. November gehaltene Rede. Er sagt dort: Auf die Kardinalfrage: Ist die Judenfrage der Kern unserer sozialen Schwierigkeiten? müsse er mit Wm antworten, denn es gebe ganz außerordentlich traurige soziale Schwierigkeiten und wirtschaftliche Todeskämpfe, an denen die Juden gar keinen Antheil hätten; z. B. sei der Untergang der schlesischen Weber und Strumpfwirker, die soziale Noth des Maschinenpersonals (Heizer, Kohlenzieher re.) der deutschen Dampfer, die fast unmenschliche Stumpfheit eines großen Theiles des östlichen Landarbeiterstandes durchaus nicht durch jüdische Beeinflussungen zu erklären. Auch führe der Antisemitismus bei gradliniger Weiterentwickelung zur Entchristlichung des deutschen Volkes. Nicht, weil er beständig kämpfe, sondern weil die wissenschaftlichen Begründer des Antisemitismus (Lagarde und Fr. Lange) in ihrem Haß gegen allen semitischen Geist auch vor einer Gestalt wie Paulus und Christus nicht Halt machten. Es sei ganz folgerichtig, wenn Fr. Lange vor Kurzem geschrieben habe: „Da sieht man, wohin ein solcher Geist wie Naumann kommt, wenn er an Christus glaubt!" Mit solchen Männern an der Spitze müsse der Antisemitismus in Christenthums-Feindschaft enden. Weil also der Antisemitismus als Grundlage einer großen Wirthschaftsanschauung und als Grundlage einer christlichen Weltanschauung unbrauchbar sei, halte Redner sich fern von den Antisemiten, freilich eben so fern von den Philosemiten, und bekämpfe die sozialen Mißstände in gleich energischer Weise bei Christen wie bei Juden. Von einer ähnlichen Anschauung zeugte auch eine kürzlich in der unparteiischen „Deutschen Warte" veröffentlichte Sonntagsbetrachtung, in welcher ein evangelischer Pastor erklärte: .,Es ist der Antisemitismus eine Schmach unseres Jahrhunderts genannt worden, und in der That hätte diese Bewegung nur dann eine Berechtigung, wenn sie sich gegen das richtete, was man als „jüdische Gesinnung" zu bezeichnen pflegt, nicht aber darf sie sich gegen die jüdischen Mitbürger richten, die sich häuffg genug durch eine edle christliche Gesinnung auszeichnen." Die bamit gemeinen Juden dürften durch solche wohlwollende Aeußerung freilich nur