Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 298 (sequence 3)
- Language
- German
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ZZs )m deutschen Reich. Emst der Situation nicht getäuscht, denn sonst hätte er nicht in einer im „Volk" erlassenen öffentlichen Erklärung sich urplötzlich von diesem schneidigen Organ des christlich-sozialen Wartburg-Programms vollständig losgesagt. Das Dresdener Antisemitenblatt „Deutsche Wacht" bemerkt dazu mit tiefster Betrübniß: „Diese Erklärung kann unmöglich Stöcker's freier Entschließung entspringen, da er als eigentlicher Begründer des „Volks" doch unmöglich sein eigenstes Werk in dieser Form preisgeben kann. Bor Allem empfinden es die Christlich-Sozialen selbst als eine nicht unbedenkliche Schwäche ihres anerkannten Führers, daß er sichtlich unter dem Einflüsse des Elfer-Ausschusses der konservativen Partei sich Zu diesem Schritte drängen ließ." Wahrscheinlich war aber gerade dieser Schritt seine vorläufige Rettung, denn bald darauf verlautete es, daß dem Kaiser von dem preußischen Oberkirchenrath über Stöcker und die christlich-soziale Bewegung Bericht erstattet worden sei, worauf man von einem Disziplinarverfahren gegen Elfteren Abstand genommen, dagegen beschlossen habe, gegen die jüngere Naumann'sche Stiftung der Christlich-Sozialen vorzugehen. Tatsächlich erging auch am 16. Dezember ein Erlaß des Präsidenten des Evangelischen Oberkirchenraths an die Konsistorialpräsidenten und Generalsuperintendenten, durch welchen den evangelisch-lutherischen Geistlichen jede fernere Theilnahme an der sozialpolitischen Reformbewegung, insbesondere auch die Betheiligung an politischen Debatten untersagt wird, weil diese leicht zu kompromittirenden Angriffen Anlaß geben. In dem Erlaß, welcher ebenso eine förmliche Verurtheilung der politischen Wirksamkeit der Pastoren Stöcker und Jskraut, wie derjenigen der jüngeren Raumann'schen Richtung angehörenden Geistlichen in sich schließt, heißt es u. A. wörtlich:' „Jeder Versuch des Geistlichen, maßgebend und insbesondere außerhalb seines Amtsbereiches auf die dem kirchlichen Gebiete fremden öffentlichen Angelegenheiten einzuwirken, noch mehr jede Parteinahme für die Forderungen des einen oder anderen Standes, der einen oder anderen Gesellschaftsklasse, muß das Ansehen des Geistlichen bei den anderen Gemeindegliedern schädigen, während er zur Erfüllung seines Berufes des Vertrauens aller Gemeindeglieder bedarf." Die Antisemiten täuschen sich durchaus nicht über die Tragweite dieser offiziellen Kundgebung. Die „Hannöv. Post" schreibt: „Uns bangt vor den Folgen des Erlasses des evangelischen Oberkirchenraths. Er wird statt heilend zu wirken die allgemeine Verwirrung nur noch vergrößern. Der Schaden aber wird nur zu bald sich fühlbar machen. Erkühnt sich doch die „Post" selbst, dem Hofprediger a. D. Stöcker, trotz seiner 17 jährigen politischen Thütigkeit, dieses Maß (politischer) Kenntnisse abzusprechen." Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens haben allen Grund