Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Leopold Schefer
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 288 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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888 3m deutschen Reich. elektrisch auf die unruhige Gährung wirken könnten, in der dar Politische und Religiöse in trüber Mischung durcheinander schäumt und sprudelt; die Wohlthat, die dem Christenthum und der Menschheit durch die Erlösung von Märchen geschehen ist, darzuthun und den Leuten an das Herz zu legen. Wer hat dies schon vor Strauß siegreicher vollbracht als der Dichter des Laienbreviers? Eine rechte „Besprechung zum Frieden", nicht ohne Salz und Schwert — denn nur der Krieg kann den Frieden gewährleisten, •— könnte von keinem Menschen segensreicher ausgehen als von Ihnen, aber, lasten Sie mich es sagen, die in dieser Absicht mitgetheilten, obgleich Erzsiufen gediegenen Goldes enthaltenden Gedichte werden, wie ich glaube, der Verwirrung keinen Einhalt thun, ja, sie sind weit eher geeignet, dieselbe zu vermehren. In noch höherem Maße würde dies durch ein ganzes Bändchen Epigramme geschehen; in den verschiedenartigsten Zeiten und Stimmungen gedichtet, würden sie der Verdrehung und Mißdeutung von Freund und Feind sich nicht entziehen; jede bittere Anspielung würde Ihnen einen Feind, jede versteckte Billigung noch keinen Freund erwerben. Und das darf nicht sein! Wenn Sie den prophetischen Mund aufthun, so dürfen Sie nicht ohne Wirkung reden. Ich weiß, was Sie mir erwidern werden, ich kenne das Papagenoschlößchen, das die Fürsten unserm Jesajas anlegen, ich weiß. Sie würden eine „Strafrede" über Berlin wie über Rom anheben. Unter den gegenwärtigen Umständen liebt man hier sogar die freiere Bewegung der Preste gegen Nom; aber ist es auch redlich, von dieser Licenz Gebrauch zu machen, wenn die Preste nicht, ganz frei, auch Preußen selber sein Unrecht Vorhalten darf? Es ist den Mächtigen gelungen, den Mund der Wahrheit in Deutschland verstummen zu machen, soll es ihnen auch noch zur Erfüllung unsrer Schmach gelingen, ihn nach ihrem Belieben zum Reden zu bringen, so weit es ihnen förderlich und genehm ist? Das wäre zu viel und wenn ein Funke der Ehre in der deutschen Preste glimmt, so hält sie daran fest, daß man ihr zwar gebieten kann, zu schweigen, aber nicht, zu reden. Mit treuester Liebe und Verehrung Ihr M. V e i t.